Essays
Poetische Anfälligkeiten
Ob wenigstens die Poesie eine, wie gemeinhin prognostiziert wird, unvermeindbare Klimakatastrophe verhindern könne? Womöglich nicht! Und doch vermag es die Poesie, den Leser anfällig zu machen für eine Lesbarkeit der Natur, die jenseits sämtlicher Nützlichkeitserwägungen liegt. Erst durch ihr Vermögen, dem Leser die Augen zu öffnen und ihn anfällig zu machen für die unentdeckten Seiten der Natur, verbindet und versöhnt die Poesie den Leser mit dieser, in letzter Konsequenz mit sich selbst. Verschreibt sich der Leser langfristig der Poesie, wird er also nachhaltig angefallen von ihr, so nimmt er im Sturzflug einer Schwalbe an einem spätsommerlichen Nachmittag nicht nur den Sturzflug einer Schwalbe an einem spätsommerlichen Nachmittag wahr, vielmehr erkennt er in diesem Bild eine Metapher von der Vergänglichkeit des Lebens selbst; eine Vergänglichkeit, die er bisher, mitten im Leben stehend und weit davon entfernt, an das eigene Ende zu denken, verdrängt hatte. Nun aber, da ihn die Poesie unweigerlich mit sich selbst konfrontiert – das Bild, die Metapher ist hier nur ein Mittel zum Zweck – erkennt der Leser die Bedeutsamkeit von Naturphänomenen jenseits eines Nützlichkeitswahns, erkennt er die Nachhaltigkeit der Poesie, die sich darin äußert, ihm, dem Leser, die Augen zu öffnen für Eindrücke und Einflüsse, denen er sich bisher, aus welchen Gründen auch immer, verschlossen hatte. Die Poesie ist ein Augen-Öffner par excellence. Wenn es so etwas gibt, wie ein Mittel zur Verhinderung oder Vermeidung, zumindest aber zur Verzögerung einer sich anbahnenden Klimakatastrophe, so ist es die Poesie. Diese bewirkt für gewöhnlich nicht nur eine Wahrnehmung von zuvor unbekannten Naturerscheinungen durch den sensibilisierten Leser, sie gewährleistet im Idealfall auch die Wiedererkennung sowie Wertschätzung seiner selbst und der ihn umgebenden Natur.
Copyright © 2019 Bülent Kacan
Übergangsvisionen
Erkenntnis dessen, dass eine Erziehung zur Menschlichkeit, zur Mitmenschlichkeit nicht gelingen kann, solange das System, in dem die Menschen verkehren, unmenschlich ist und Unmenschlichkeit systematisch reproduziert. Das Menschliche kann nur außerhalb davon existieren, innerhalb des Systems kippt es ins Unmenschliche, gewinnen die Handlungen des Menschen darin zusehends mechanische und machtbewusste, in letzter Konsequenz machtbesessene Züge, verliert der Mensch innerhalb des Systems zusehends die Beziehung zu seinen Mitmenschen, den Bezug zu seiner Umwelt in letzter Konsequenz. Sich seiner selbst fremd geworden, erscheint ihm im System alles Menschliche, alles Mitmenschliche gleichermaßen befremdlich wie bedrohlich, so dass er es reflexartig loswerden will, schließlich konfrontiert dieses ihn mit sich selbst, mit der unterdrückten Menschlichkeit im Unmenschen. Sämtliche Beziehungen und Begegnungen, die im System stattfinden, sind kalkuliert, noch im Austausch der Menschen darin fordert es seinen Tribut, gerät der zwischenmenschliche Austausch - ein in Wahrheit gezieltes Ausnutzen und Ausnehmen im gegenseitigen Einvernehmen - zu einer Kosten-Nutzen-Kalkulation. Ein Auszug aus einem unmenschlichen System kann nur durch die Existenz eines menschlichen, mitmenschlichen Gegenentwurfs als lebbare, als erlebbare Alternative geschehen. Dieses erscheint zunächst als Utopie, als Spielwiese unrealistisch erscheinender Vorstellungen, Ideen, Entwürfe etc. außerhalb des real Existierenden, in der konkreten Phantasie aber, in der großen Vision, dem bestehenden unmenschlichen System ein menschliches, mitmenschliches gegenüberzustellen, offenbart sich der erste Schritt hin zum Übergang ins Neue, hin zum Untergang des Alten.
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Unbestimmte Einflussgröße auf den Künstler
Du bist fest davon überzeugt, dass du es selbst bist, der das Werk hervorbringt, dem du dich mit einer Leidenschaft hingibst, die nur dem wahren Künstler eigen ist, der am Leben leidet und gerade hierdurch das Leben geduldig zu lieben lernt. Es wirkt aber so vieles mehr in dir und auf dich ein, auf dass du keinen Einfluss hast. Du kannst dich diesem Einfluss freiwillig ergeben, du kannst in ihm ein- und aufgehen zu guter Letzt, du wirst dich ihm allerdings nicht auf Dauer entziehen können. Du kannst nichts bewerkstelligen, worauf du keinen Einfluss hast. Und: Du erkennst die unbestimmte Einflussgröße nicht, die dich hervorgebracht hat. Es ist dies eine Einflussgröße, die alles bewirkt; ein großer, ein gewaltiger Einfluss, der dich am Leben hält mit jedem weiteren Atemzug, den du machst.
Copyright © 2019 Bülent Kacan
Fragmente
Das Fragment stellt die gedachte relative Mitte dar zwischen dem ganz und gar Vollkommenen und dem Nichts, der radikalen Verneinung des Kunstwerks bis hin zur absoluten Nichtigkeit desselben. Das fragmentarische Kunstwerk ist ein Versuch, dem Nichts zu entgehen, zugleich möchte das Fragment aber auch keine Vollkommenheit erreichen, es strebt keinen Abschluss an, es bleibt unabgeschlossen. Sein gedachter Aufenthaltsort ist die relative Mitte, es pendelt beständig zwischen zwei Extremen hin und her und läuft somit fortlaufend Gefahr, vom Nichts, das linksseitig lauert, vereinnahmt zu werden, andererseits geht das Fragment fortwährend das Risiko ein, von der Vollkommenheit, die rechtsseitig auf der Lauer liegt, allmählich angezogen, aufgesogen und schlussendlich aufgelöst zu werden, sollte es einmal über sich hinauswachsen hin zur Vollkommenheit, der absoluten Vollendung. Im Idealfall ist das Fragment eine gleichermaßen brüchige wie bruchstückhafte Vermittlungsform zwischen zwei Extremen, stellt es aber einmal idealiter eine Form der Vermittlung dar, so wurde es bereits von der rechtsseitigen Vollkommenheit vereinnahmt und also geradewegs zu Grabe getragen, denn es geht das Fragment augenblicklich zu Grunde, sobald es seiner Form nach eine Vermittlerrolle einnimmt, was im Grunde genommen einen Verlust seiner Autonomie bedeutet. Wehrt es sich allerdings vehement gegen eine rechtsseitige Vereinnahmung, nimmt es also zusehends Abstand von der Vollkommenheit, in der Annahme, hierdurch seine argwöhnisch beäugte und beidseitig belagerte Autonomie innerhalb der relativen Mitte zu wahren – wo es sich ausschließlich selbst gehorcht, schließlich gehört es hier niemandem - so läuft das Fragment Gefahr, dass es null und nichtig wird, es im Nichts endet, es aufhört, zu existieren, noch bevor es halbwegs Gestalt angenommen hat. Das Fragment ist dazu verdammt, sich beidseitig abzustoßen, zugleich ist es dazu verurteilt, sich im Extremfall beidseitig anziehen zu lassen. Es ist gezwungenermaßen existent. Es ist einer ständigen Zerreißprobe ausgesetzt; der zwiespältige Zustand ist dem Fragment eigen, das Fragment zwingt sich förmlich dazu, seine Freiheit gegenüber den beidseitig vorhandenen Extremen spielerisch abzusichern. Es ist dies ein Zwang hin zu einer Freiheit als Prozess, die im permanenten Austarieren der Kräfte, im pausenlosen Ausgleich der Verhältnisse gleichermaßen an Beständigkeit verliert und gewinnt. Das Fragment zaudert nicht, es zittert, da ihm die rechtsseitige Unfreiheit sowie die linksseitige Unmöglichkeit unentwegt vor Augen erscheinen.
Copyright © 2018 Bülent Kacan
Nomaden oder Selbstlosigkeit
Jeden Tag wenigstens einen Satz aufschreiben, um auf der Spur zu bleiben, die zu dem führt, was wir gemeinhin als Ich bezeichnen. Irritationen an Tagen, an denen nichts aufgezeichnet wurde, mit dem Ergebnis, dass man neben sich steht, dass man nicht bei sich selbst ist, dass man dieses Selbst gewissermaßen unentwegt umkreist, es selbst immerzu verfehlt und also nicht anders kann, als diese existenzielle Vergeblichkeit, die sich darin äußert, niemals bei sich selbst anzukommen, in Kauf zu nehmen. Die Erkenntnis, dass man niemals ankommen wird, dass man fortwährend unterwegs sein wird, dass man ein zur endloser Reise Verdammter ist, eine Reise, die im besten Fall Etappenziele bietet, eine endgültige Ankunft jedoch kategorisch ausschließt, ist die Süße, ist zugleich der Schmerz, der uns, die wir uns aus freien Stücken dem nomadischen Dasein verschrieben haben, dazu antreibt, das Schreiben unter keinen Umständen aufzugeben. Das Ziel unserer Suche nach dem, was wir gemeinhin als Selbst bezeichnen, erschließt sich uns allein auf einer Strecke, die kein Ende nimmt und also die Selbstlosigkeit des Suchenden geradewegs voraussetzt.
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Progressive Funktionsweise der Literatur
Positive Aufgabe des Schriftstellers: Die Worte spalten, nicht, um Missverständnisse zu erzeugen, vielmehr um auf den konnotativen Kern des Gesagten zu stoßen und Verständnis für all jene Worte zu finden, die als Ganzes gesehen mit gespaltener Zunge zu uns sprechen. Negative Aufgabe des Schriftstellers: Er beugt sich den vorhandenen Worten und unterwirft sich auf diese Weise wortwörtlich den herrschenden Verhältnissen - aus der positiven Aufgabe des Schriftstellers, gegen die Schieflage der Sprache anzugehen, welche für eine verkehrte, aus den Angel geratende Welt verantwortlich zeichnet, ja, die Welt mit prosaischen und poetischen Mitteln zum Positiven hin zu verändern, wird eine negative Aufgabe, eine Unterwerfung unter eine alles andere als prosaische, geschweige denn poetische Wirklichkeit. Wirklich aber ist nicht das, was erwiesenermaßen real existiert, wirklich ist allein das, was gemeinhin für wahr gehalten wird. Das Bedürfnis nach Literatur ist Ausdruck einer vorübergehenden Abkehr von einer real existierenden Wirklichkeit, so wie sie uns erscheint, hin zu einer wahren, zu einer wahrhaftigen Wirklichkeit, nicht, weil jene ausnahmslos falsch und verlogen wäre, vielmehr weil sich der Mensch mit dieser allein in die Lage versetzen kann, die real existierende Wirklichkeit mit prosaischen und poetischen Mitteln vorübergehend zu überwinden.
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Bilderstürmer
Das eigentliche Ziel der Bilderstürmer ist nicht das materielle Objekt, der konkrete Gegenstand, das schlichtweg Greifbare, gegen den sich ihr Zorn blindwütig richtet, vielmehr sind es die mannigfaltigen Vorstellungswelten in den Köpfen der Subjekte, sind es die unzähligen Bilder von einer Welt jenseits der Vorstellungswelt der Ikonoklasten, gegen die sich die Wut der Bilderstürmer zielgerichtet, zielvernichtend wendet.
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Territorien des Austauschs
Als eine von unzähligen fremden Territorien umgebene Enklave kommt der einzelne Mensch nicht umhin, offen zu bleiben. Zwar kann er sich vorübergehend äußeren Einflüssen entziehen, er kann sich kurzfristig absondern und für geraume Zeit verschließen, um sich zu sammeln und vor einem Übermaß des Äußeren zu schützen, eine dauerhafte Verschlossenheit widerspricht jedoch seinem offenkundigen Naturell, das auf Austausch als fundamentale Ausgangslage seiner individuellen Entwicklung angelegt ist.
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