Essays

Fragmente

Das Fragment stellt die gedachte relative Mitte dar zwischen dem ganz und gar Vollkommenen und dem Nichts, der radikalen Verneinung des Kunstwerks bis hin zur absoluten Nichtigkeit desselben. Das fragmentarische Kunstwerk ist ein Versuch, dem Nichts zu entgehen, zugleich möchte das Fragment aber auch keine Vollkommenheit erreichen, es strebt keinen Abschluss an, es bleibt unabgeschlossen. Sein gedachter Aufenthaltsort ist die relative Mitte, es pendelt beständig zwischen zwei Extremen hin und her und läuft somit fortlaufend Gefahr, vom Nichts, das linksseitig lauert, vereinnahmt zu werden, andererseits geht das Fragment fortwährend das Risiko ein, von der Vollkommenheit, die rechtsseitig auf der Lauer liegt, allmählich angezogen, aufgesogen und schlussendlich aufgelöst zu werden, sollte es einmal über sich hinauswachsen hin zur Vollkommenheit, der absoluten Vollendung. Im Idealfall ist das Fragment eine gleichermaßen brüchige wie bruchstückhafte Vermittlungsform zwischen zwei Extremen, stellt es aber einmal idealiter eine Form der Vermittlung dar, so wurde es bereits von der rechtsseitigen Vollkommenheit vereinnahmt und also geradewegs zu Grabe getragen, denn es geht das Fragment augenblicklich zu Grunde, sobald es seiner Form nach eine Vermittlerrolle einnimmt, was im Grunde genommen einen Verlust seiner Autonomie bedeutet. Wehrt es sich allerdings vehement gegen eine rechtsseitige Vereinnahmung, nimmt es also zusehends Abstand von der Vollkommenheit, in der Annahme, hierdurch seine argwöhnisch beäugte und beidseitig belagerte Autonomie innerhalb der relativen Mitte zu wahren – wo es sich ausschließlich selbst gehorcht, schließlich gehört es hier niemandem - so läuft das Fragment Gefahr, dass es null und nichtig wird, es im Nichts endet, es aufhört, zu existieren, noch bevor es halbwegs Gestalt angenommen hat. Das Fragment ist dazu verdammt, sich beidseitig abzustoßen, zugleich ist es dazu verurteilt, sich im Extremfall beidseitig anziehen zu lassen. Es ist gezwungenermaßen existent. Es ist einer ständigen Zerreißprobe ausgesetzt; der zwiespältige Zustand ist dem Fragment eigen, das Fragment zwingt sich förmlich dazu, seine Freiheit gegenüber den beidseitig vorhandenen Extremen spielerisch abzusichern. Es ist dies ein Zwang hin zu einer Freiheit als Prozess, die im permanenten Austarieren der Kräfte, im pausenlosen Ausgleich der Verhältnisse gleichermaßen an Beständigkeit verliert und gewinnt. Das Fragment zaudert nicht, es zittert, da ihm die rechtsseitige Unfreiheit sowie die linksseitige Unmöglichkeit unentwegt vor Augen erscheinen.

Copyright © 2018 Bülent Kacan

 

Nomaden oder Selbstlosigkeit

Jeden Tag wenigstens einen Satz aufschreiben, um auf der Spur zu bleiben, die zu dem führt, was wir gemeinhin als Ich bezeichnen. Irritationen an Tagen, an denen nichts aufgezeichnet wurde, mit dem Ergebnis, dass man neben sich steht, dass man nicht bei sich selbst ist, dass man dieses Selbst gewissermaßen unentwegt umkreist, es selbst immerzu verfehlt und also nicht anders kann, als diese existenzielle Vergeblichkeit, die sich darin äußert, niemals bei sich selbst anzukommen, in Kauf zu nehmen. Die Erkenntnis, dass man niemals ankommen wird, dass man fortwährend unterwegs sein wird, dass man ein zur endloser Reise Verdammter ist, eine Reise, die im besten Fall Etappenziele bietet, eine endgültige Ankunft jedoch kategorisch ausschließt, ist die Süße, ist zugleich der Schmerz, der uns, die wir uns aus freien Stücken dem nomadischen Dasein verschrieben haben, dazu antreibt, das Schreiben unter keinen Umständen aufzugeben. Das Ziel unserer Suche nach dem, was wir gemeinhin als Selbst bezeichnen, erschließt sich uns allein auf einer Strecke, die kein Ende nimmt und also die Selbstlosigkeit des Suchenden geradewegs voraussetzt.

Copyright © 2018 Bülent Kacan

 

Progressive Funktionsweise der Literatur

Positive Aufgabe des Schriftstellers: Die Worte spalten, nicht, um Missverständnisse zu erzeugen, vielmehr um auf den konnotativen Kern des Gesagten zu stoßen und Verständnis für all jene Worte zu finden, die als Ganzes gesehen mit gespaltener Zunge zu uns sprechen. Negative Aufgabe des Schriftstellers: Er beugt sich den vorhandenen Worten und unterwirft sich auf diese Weise wortwörtlich den herrschenden Verhältnissen - aus der positiven Aufgabe des Schriftstellers, gegen die Schieflage der Sprache anzugehen, welche für eine verkehrte, aus den Angel geratende Welt verantwortlich zeichnet, ja, die Welt mit prosaischen und poetischen Mitteln zum Positiven hin zu verändern, wird eine negative Aufgabe, eine Unterwerfung unter eine alles andere als prosaische, geschweige denn poetische Wirklichkeit. Wirklich aber ist nicht das, was erwiesenermaßen real existiert, wirklich ist allein das, was gemeinhin für wahr gehalten wird. Das Bedürfnis nach Literatur ist Ausdruck einer vorübergehenden Abkehr von einer real existierenden Wirklichkeit, so wie sie uns erscheint, hin zu einer wahren, zu einer wahrhaftigen Wirklichkeit, nicht, weil jene ausnahmslos falsch und verlogen wäre, vielmehr weil sich der Mensch mit dieser allein in die Lage versetzen kann, die real existierende Wirklichkeit mit prosaischen und poetischen Mitteln vorübergehend zu überwinden.

Copyright © 2018 Bülent Kacan

 

Bilderstürmer

Das eigentliche Ziel der Bilderstürmer ist nicht das materielle Objekt, der konkrete Gegenstand, das schlichtweg Greifbare, gegen den sich ihr Zorn blindwütig richtet, vielmehr sind es die mannigfaltigen Vorstellungswelten in den Köpfen der Subjekte, sind es die unzähligen Bilder von einer Welt jenseits der Vorstellungswelt der Ikonoklasten, gegen die sich die Wut der Bilderstürmer zielgerichtet, zielvernichtend wendet.

Copyright © 2018 Bülent Kacan

 

Territorien des Austauschs

Als eine von unzähligen fremden Territorien umgebene Enklave kommt der einzelne Mensch nicht umhin, offen zu bleiben. Zwar kann er sich vorübergehend äußeren Einflüssen entziehen, er kann sich kurzfristig absondern und für geraume Zeit verschließen, um sich zu sammeln und vor einem Übermaß des Äußeren zu schützen, eine dauerhafte Verschlossenheit widerspricht jedoch seinem offenkundigen Naturell, das auf Austausch als fundamentale Ausgangslage seiner individuellen Entwicklung angelegt ist.

Copyright © 2018 Bülent Kacan