Parabeln

Pforten der Ungewissheit

Es gibt Augenblicke im Leben, da steht der Mensch vor Ereignissen, die sich wie hohe eiserne Pforten vor ihm auftürmen. Es sind dies Pforten, die ihn unweigerlich einschüchtern, ja, ihn beinahe zu Tode erschrecken. Schließlich kann der Mensch nicht wissen, wann sich die hohen Pforten öffnen werden und das unheilvolle Geschehen darin seinen Lauf nehmen wird. Die Ungewissheit hierrüber, die beinahe so ungeheuerlich ist wie das unheilvolle Geschehen selbst - das im Übrigen jederzeit bevorsteht - wird noch durch die Furcht überboten, von den mächtigen Pforten, bevor das Geschehen darin die Ereignisschwelle überschritten hat, jederzeit erfasst und erschlagen zu werden, sollten sich diese tatsächlich einmal unverrichteter Dinge öffnen. Die Ungewissheit des Menschen aber ist das unheilvolle Geschehen selbst. Es ist ein sich ständig ereignendes Ereignis, eine himmelhohe, sperrangelweit geöffnete Pforte, durch die unaufhaltsam das Unheil schreitet und das Unglück auf Erden geschieht.

Copyright © 2018 Bülent Kacan

 

Nachgerade auf Abwegen

Es sei unmöglich, behaupten die Weisen, einen Menschen dazu zu bringen, einen einmal eingeschlagenen Weg zu verlassen, schließlich beschreite ein jeder Mensch seinen eigenen Weg und kein Weg sei von vornherein kerzengerade. Möglicherweise könne ein gut gemeinter Ratschlag den Fehlgeleiteten vom falschen Weg abringen, dass aber ein Mensch, der sich auf der schiefen Bahn befindet, hierdurch den rechten Pfad fortan aus freien Stücken beschreiten wird, sei alles andere als sicher. Tatsächlich sei es das verinnerlichte Ziel im Menschen, welches seinen Weg unmittelbar vorgibt und dessen Verlauf maßgeblich bestimmt. Die Weisen selbst geben vor, keine Ziele zu verfolgen, folglich gäbe es auch keinen Pfad, der zu ihnen führt, haben sie sich einmal niedergelassen, so rühren sie sich nicht vom Fleck. Der Flecken Erde jedoch, auf dem die Weisen gewissermaßen über Nacht Wurzeln schlagen, verwandelt sich schon am folgenden Morgen zu einem zentralen Sehnsuchtsort für Suchende aus nah und fern.

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Literaten oder Feldzüge

Wir, die wir schlechthin meinen, es jederzeit mit einer Sprache aufnehmen zu können, die schlichtweg unbezwingbar ist, scheitern mit unserem ambitionierten Vorhaben schon zu Beginn unseres Feldzuges am bollwerkartigen Außenposten des Alphabets, gegen das wir hoffnungslos anstürmen, stärkt der Rest der alphabetischen Einheiten doch diesem unbeirrbar den Rücken, während wir selbst von Anfang an auf der Hut sein müssen, dass man uns nicht zuletzt in die viel zu offenen Flanken fällt.

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Weg des Weisen

Die Weisheit des Weisen offenbart sich in Krisenzeiten. Es sind dies Zeiten, in denen er sich bewährt, indem er Haltung in äußerster Not bewahrt, auch wird er weiterhin eine gerade Linie verfolgen, während andere einen hohen Bogen um eine zentrale Wahrheit machen werden. Der Kreis, auf dem sie sich befinden, zwingt den Fehlgeleiteten eine Strecke auf, die ungerader und also unendlicher nicht sein kann.

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Haltlosigkeiten

Wir gehen durch offene Türen, ganz so, als würden die Räume dahinter etwas Anstößiges beinhalten, gegen das wir mutwillig anrennen, aus Angst, im nächsten Moment ins Bodenlose zu stürzen, sobald wir tatsächlich einmal dem Unbegrenzten hinter der Türschwelle begegnen. Wie oft aber waren es die Tore und Türen, die wir rücksichtslos durchschritten haben, die haltlos durch uns hindurchgingen, ganz so, als seien wir es, die offen sind wie der bodenlose Abgrund, in welchen hineinzustürzen wir uns vor allen Dingen fürchten?

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