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Weltgüterzug

Nicht ich deute diese Welt, die Welt deutet sich selbst durch mich; dieser gewaltige Güterzug, der, kaum, dass ich das Licht der Welt erblickt habe, unaufhaltsam Fahrt aufgenommen hat. Ich selbst bin nur ein Fahrgast unter unzähligen Fahrgästen, die an Haltestellen ein- und aussteigen, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind, deren tatsächliche Existenz allerdings unbestreitbar ist: Es kommen und gehen leibhaftige Menschen, der Weltgüterzug nimmt sie auf, er entlässt sie aber auch wieder, ein ständiges Aufnehmen und Abgeben von Fahrgästen, die, so scheint es, lediglich Etappenziele aufsuchen, an diesen letztlich aber doch hängenbleiben, das endgültige Ziel des Weltgüterzuges, soviel steht fest, werden sie niemals zu Gesicht bekommen. Gleichermaßen freiwillig wie unfreiwillig – ich kann gar nicht anders, als mich auf diese Fahrt einzulassen, ich suche allerdings unentwegt nach einer geeigneten Stelle, nach einem günstigen Moment, an dem ich abspringen kann – rase ich mit meinen Fahrtgenossen durch Raum und Zeit und obschon er unzählige Güter transportiert, geht dem Weltgüterzug jegliche Güte ab - er nimmt keine Rücksicht auf vorzeitig abstürzende Fahrgäste, in Wahrheit geht er über Leichen. Das Erschreckende an diesem Umstand ist, dass mir das rasende Gefährt, auf dem ich mich befinde, gleichermaßen bewusst wie unbewusst ist – denn nicht ich deute diese Welt, die Welt tut dies bereits durch mich für sich selbst. An ein Ausscheren ist nicht zu denken, es gibt keine andere Wegstrecke, als jene Strecke, die der Weltgüterzug mir und allen anderen Fahrgästen gezwungenermaßen auferlegt. Ich blicke aus dem Fenster meines mir zugewiesenen Abteils und nehme die vorbeirauschende Landschaft wahr. Alles zieht unhaltbar an mir vorüber. Nichts besitzt feste Konturen, alles verschwimmt. Niemand ist in der Lage, dem vorbeirauschenden Weltgüterzug die Stirn zu bieten. Er schleift im Vorüberrauschen die härtesten Materialien, er entstellt alles und jeden, alles vergeht unweigerlich, ein jeder ist unwiederbringlich verloren. Diese bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Fratze, die eben an mir vorbeigerauscht ist, war dies nicht das Gesicht eines mir zutiefst vertrauten Menschen? Ich versuche zu verstehen, den im hohen Tempo an mir vorbeiziehenden Eindrücken eine Bedeutung abzuringen, dem unfassbaren Geschehen einen höheren Sinn zu verleihen. Vergeblich! Es gibt keinen höheren Sinn in diesem rauschhaften und nicht selten rücksichtslosen Geschehen namens Leben. Alles ist bereits Geschichte, ist bereits gewesen, kaum, dass es geworden ist. Sie existiert nicht, die Gegenwart, dieser mächtige Totempfahl – in Wahrheit ist es ein Marterpfahl! - an den wir uns, aus Furcht, unseren halbwegs sicheren Halt im Leben zu verlieren,
verzweifelt festklammern und an welchen sich im Übrigen auch Odysseus festbinden ließ, um in Gegenwart der verführerischen Sirenen den Verheißungen der Glückseligkeit zu lauschen, die doch nur eine bloße Aneinanderreihung stets gleichbleibender Glücksmomente ist – dieser Mast nun fußt keineswegs auf einem soliden Fundament, tatsächlich fließt alles, alles zergeht, alles löst sich auf, wir selbst sind taumelnde Gestalten auf einem davonrasenden Gefährt, dessen endgültiges Ziel wir niemals zu Gesicht bekommen werden.

Mir wird schlagartig bewusst, dass ich, sobald ich durch das Fenster blicke und versuche, die an mir vorbeirauschenden Eindrücke zu deuten, die verzerrter und verstörender nicht sein können, lediglich eine bereits vorhandene erste Deutung dieser Phänomene übernehme, schließlich bin ich selbst das Ergebnis der Deutung ersten Grades, ein zweiter Grad der Deutung dieser Welt existiert überhaupt nicht, vielmehr weist die Vorstellung von einem zweiten Grad der Deutung darauf hin, dass ich von dieser Welt ausnahmslos vereinnahmt wurde; ein im Schlepptau befindliches Anhängsel mit anderen Worten, das mit einem monströsen Weltgüterzug verbunden ist, der, kaum, dass ich das Licht der Welt erblickt hat, unaufhaltsam Fahrt aufgenommen hat und unhaltbar bleibt bis zu letzt.

© Bülent Kacan (Aus den Aufzeichnungen Ich oder Auf dem Heimweg von mir zu mir selbst, 2018)

Illustrationen mit freundlicher Genehmigung des Künstlers Michael Blümel