Existieren heißt, ums Leben laufen
Würden wir, gemessen am rasanten Tempo unserer Fortbewegung, das Ziel erreichen, welches wir vorgeben unbedingt, dass heißt, unter allen Umständen erreichen zu wollen, so würden wir überhaupt nicht bemerken, dass wir es erreicht haben, selbst wenn wir es erreicht hätten. Wir machen uns zwar auf, um unser Ziel zu erreichen, tatsächlich aber fliehen wir, wir fliehen immerdar und immerzu. Dies allein ist die Rechtfertigung unseres Fortschreitens, welches ziellos ist, weil es zügellos ist: Wir gehen, weil wir uns von klein auf auf der Flucht befinden und wir machen uns nicht auf, weil wir auf etwas abzielen - noch der Zielstrebigste rennt um sein Leben. Die Gegenwart des Geflüchteten, seine Atemlosigkeit, seine weit aufgerissenen Augen, aus denen die Angst des um die nackte Existenz Entkommenen spricht, sie verweist auf die klaffende Wunde des Vertriebenen, des Heimatlosen in uns.
Bülent Kacan
(Aus den Aufzeichnungen »Ich oder Auf dem Heimweg von mir zu mir selbst«)