Meditationen
Im Bilde sein. - Wenn über eine Person gesagt wird, dass er oder sie in einer Sache im Bilde ist, so muss man sich diese Aussage über die Person ganz konkret vor Augen führen; mit anderen Worten: Da ist jemand, der in einer Sache außerordentlich gut bewandert ist, sodass er oder sie jederzeit, gleichsam aus dem Stegreif heraus, in die Sache einsteigen, darin spazieren gehen und uns detailliert Auskunft über ihre Beschaffenheit geben kann, falls nötig, mit fest verschlossenen Augen, wie Einheimische es für gewöhnlich tun, sobald sie einem Ortsfremden dabei behilflich sind, eine bestimmte Straße in einem ganz bestimmten Viertel ihrer Stadt zu finden, indem sie ihm den Weg dorthin beschreiben, das heißt, indem sie ihm die Wegstrecke anschaulich vor Augen führen (die richtungsweisenden Arm- und Handbewegungen der Einheimischen erscheinen dem Ortsfremden wie unbeschriftete Wegweiser, diese erhalten durch die Aussagen der Einheimischen erst die nötige Beschriftung, die den Weg weist). Man kann einer Person, die in einer Sache im Bilde ist, nichts vormachen, es sei denn, man gibt sich selbst der Sache hin, begibt sich sozusagen in sie hinein, ganz so, als wären wir es selbst, die einem Museum einen Besuch abstatten und im günstigen Augenblick, just in dem Moment, in dem die Museumswärter ihre Runden drehen (und im Anschluss günstigenfalls eine Zigarette rauchen), in ein Bild einsteigen – sagen wir in das Bild Mona Lisa, das, wie alle Welt weiß, im Louvre ausgestellt ist, wo genau, ja, auch darüber erkundigen sich Ortsfremde in 1001 Sprachen regelmäßig bei ortskundigen Einheimischen, die, man kann es ihnen nicht verübeln, irgendwann aufgeben und mit der Schulter zucken – und darin eingehen und obwohl wir darin ausgezeichnet bewandert sind, schließlich haben wir uns, was den Maler des Bildes betrifft, ausgiebig belesen, bleiben wir zuletzt doch nur äußere Betrachter des Bildes. Wenigstens sind wir fürs Erste im Louvre bewandert, wenigstens in einem kleinen, winzig kleinen Teil davon – in Paris selbst würden wir unentwegt die App befragen, wäre da nicht diese zauberhafte Passantin, die uns mit einem Wink den Weg weist…
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Kompromissbereitschaft als offener Umgang mit Verwundbarkeiten. - Der Kompromiss ist das Ergebnis einer allmählichen Heranführung zweier (ehemaliger) Kontrahenten oder Konkurrenten hin zu einem neuralgischen Punkt, der, weil er für beide Seiten einen materiellen und/oder finanziellen Verzicht, Verlust oder Schaden bereithält, von beiden Seiten gleichermaßen als schmerzhaft empfunden wird, dem beide Seiten bestenfalls gleichermaßen standhalten, der aber auch gemeinsam angenommen und ausgehalten wird, um schließlich - unter dem Strich - beidseitig auf individuelle Weise als Gewinn gewertet, gewertschätzt und überwunden zu werden.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Bedenkliches und Bedenkenswertes. - Denken als progressiver Vorgang zieht immer auch ein im Voraus Bedachtes hinter sich her; die Größe, das Gewicht oder die Gestalt des sich im Schlepptau befindlichen Gedankengutes gibt Aufschluss über die nachfolgende Stoßrichtung des Denkenden; wer hierbei die Kurve nicht kriegt, der wird, weil er auf der Stelle tritt, vom vorbeiziehenden Gedankengut fortgerissen – nicht er ist es fortan, der vorrangig denkt, sondern das im Schlepptau befindliche Gedankengut gibt die Stoßrichtung an. Wer denkt, der tut es im Grunde genommen immer vorwärts, während sein Handeln versucht, mit seinem Denken, das das Tempo vorgibt, Schritt zu halten. Manche Denker denken so weit voraus, dass ihr Handeln ihrem Denken hinterherhinkt. Nicht wenige Denker denken nicht, sie handeln vielmehr bedenkenlos rückwärtsgerichtet und rückwärtsgewandt.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Innere Stimme und Sprache. - Die Sprache der inneren Stimme des Menschen (sein innerer Monolog) ist höchst individuell, wie sie, weil sie von sämtlichen Kollektiven gesprochen wird, zugleich im höchsten Maße universell ist (es werden gegenwärtig mehr als 8 Milliarden Sprachen weltweit gesprochen); sie wird bis zuletzt am häufigsten verwendet, während sie zugunsten der Sprache als zwischenmenschliches Kommunikationsmittel von vornherein nicht zur Zweit- oder Drittsprache, schon gar nicht zur universellen Individualsprache erhöht, sondern zur Geheimsprache des Selbst des Menschen degradiert und diszipliniert, letztlich deplatziert wird. Es gibt Menschen, deren innere Stimme zeitlebens nicht zu Wort kommt, während sie sich selbst bis zuletzt mit ihren Mitmenschen im Gespräch befunden haben – die meisten Kommunikationsprobleme haben hierin ihren Ursprung oder ihre Ursache. Das Verständnis von der Grammatik der inneren Stimme des Menschen bedarf, noch bevor sie ausdrücklich zu Wort kommt, zunächst der inwendigen Verständigung des Menschen mit sich selbst. Der Versuch fernöstlicher Weisheitslehren, seine innere Stimme kurzfristig zum absoluten Schweigen zu bringen, dient im Grunde dazu, ihr überhaupt erst ein Gehör, dem Menschen überhaupt erst ein Gespür für sich selbst und seine innere Stimme zu verschaffen. Der Mensch ist das Zeichen ohne Vorzeichen überhaupt, er darf nicht zu einem Kennzeichen deformiert werden – noch dieser Text, seine Zeilen und Zeichen sind Versuche, ihn zu kennzeichnen. Der Text müsste über ihn schweigen, während er über ihn spricht, tatsächlich bricht er aber das Schweigen, während er über ihn spricht; nein, in Wahrheit spricht er vom Schweigen des Menschen, das tatsächlich ein unerhörtes Schreien, ein ungehörter Aufschrei ist; das Bild mit dem Titel Der Schrei von Edvard Munch ist ein ausgezeichneter Ausdruck hiervon – wer vor dem Bild steht und es anschaut, der wird, sofern, sonah er offen dafür ist, unweigerlich selbst angestarrt, den verschlägt es dem Atem, der wird augenblicklich mucksmäuschen still...
Aufzeichnungen. Copyright © 2027 Bülent Kacan
Neueste Sachlichkeit. - Es liegt in der Natur einer Sache, dass sie künstlich ist.
Aufzeichnungen. Copyright © 1920 Bülent Kacan
Gesprächsführung und kein Ende. – Wenn zwei Personen miteinander erfolgreich ein Gespräch führen, so geschieht dies nur unter der Voraussetzung, dass beide ein gemeinsames Ziel vor Augen haben, auf das hin beide in beiderseitigem Einvernehmen das Gespräch hinführen, hinleiten, hinlenken. Der Grund des Scheiterns von Gesprächen liegt nicht an der Menge der Gesprächsteilnehmer – 100 Personen können je zur Hälfte zwei unterschiedlichen Lagern angehören –, auch liegt ihr Scheitern nicht an der Menge der unterschiedlichen Ansichten oder Auffassungen zu ein und derselben Sache - 100 Personen mit 100 unterschiedlichen Ansichten oder Auffassungen zu ein und derselben Sache können sich, vorausgesetzt, sie sprechen ein und dieselbe Sprache, darauf verständigen, trotz abweichender Meinungen im Gespräch zu bleiben –; es liegt vielmehr am mangelnden Ziel, dem Ausgang des Gesprächs, der zu seinem Scheitern führt; das Ziel kann schon darin begründet sein, ein einmal aufgenommenes Gespräch, den sogenannten Gesprächsfaden, aufrechtzuerhalten, ihn bestenfalls weiterzuspinnen, ihn, falls nötig, aufzubröseln und auf unbeabsichtigte Knotenpunkte hin – eingeschlichenen oder eingespielten Missverständnissen (Vorurteilen, Vorbehalten oder Vorwegnahmen) gleich – abzusuchen und von Neuem anzusetzen, den Gesprächsfaden, trotz knirschendem oder knarrendem Spinnrad, sozusagen am Laufen zu halten. Notfalls muss man den Opa oder die Oma am Spinnrad mimen, die mit ihren Erzählungen eine Welt, die auseinanderzubrechen droht, im Großen und Ganzen zusammenhalten; Text und Textur, ein wohliges und wärmendes, ein schönes Gewebe. Im Großen und Ganzen ist jeder gute Erzähler ein Opa, ist jede gute Erzählerin eine Oma, die weiß, die wissen, dass Geschichten weit mehr als bloße Erzählungen sind. Gerade Homer spann, was das Zeug hält; der alte Rhapsode wärmt über das gesamte Epos hinweg seinen Helden Odysseus, der ein ums andere Mal Baden geht. Der blinde Dichter tröstet seinen Helden, während er ihn halsbrecherischen Abenteuern aussetzt und während er Odysseus zuletzt heimkehren lässt, vermittelt er seinen Lesern eine Botschaft, deren Bedeutung auch nach Jahrtausenden nicht verblasst ist: Solange wir uns Geschichten erzählen, das heißt, solange wir im Gespräch bleiben, ist das Ende nicht in Sicht...
Aufzeichnungen. Copyright © 1974 Bülent Kacan
Feststellungen und Grundlagen. - Feststellungen haben nur so lange Bestand, bis man ihnen mit der entsprechenden Fragestellung den Boden unter den Füßen entzieht. Feststellungen verfügen über keinerlei Fundamente, auf denen sie fest und unumstößlich, gleichsam für die Ewigkeit (be-)stehen könnten, vielmehr verfügen sie bestenfalls über Grundlagen der Vernunft – mit anderen Worten, sie verfügen über eine vernünftige Bodenhaftung; dies macht, dass Fundamentalisten jedweder Couleur vehement reagieren, sobald man ihnen bereits mit einer einzigen Fragestellung die Grundlagen ihrer Feststellungen, die sie selbst für die Fundamente ihrer unumstößlichen Feststellungen halten, entzieht. Wer behauptet, dass die Pyramiden von Gizeh für die Ewigkeit gebaut seien, auch wenn ihre Erbauer sie dafür bestimmt haben, der stellt, sobald er näher an sie herantritt, fest, dass nicht einmal die Grundlage dieses majestätischen Weltwunders dem Zahn der Zeit standhält – dieser Aphorismus selbst ist eine Feststellung, die jedweder Grundlage entbehrt.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Freiheit und Universum. - Die Freiheit des Menschen, sein Wille, ist an die Funktionsweise seines Gehirns gebunden, das menschliche Gehirn wiederum ist an die Funktionsweise des Universums gebunden; vieles, ja das allermeiste darin (das Entscheidende) ist uns Menschen nach wie vor unbekannt (ein Mysterium, das Raum für wissenschaftliche Spekulationen, Theorien, aber auch für Mythen und Aberglauben bietet), ergo können wir die Freiheit des Menschen, seinen Willen, nicht ein für alle Mal bestimmen; uns fehlen schlichtweg die erforderlichen Erkenntnisse, die uns befähigen könnten, Grenzen zu ziehen, die eine plausible Definition der menschlichen Freiheit, seines Willens, ermöglichen oder erlauben. Einen winzig kleinen, gleichwohl glasklaren Ausschnitt eines gewaltigen, grenzenlosen Flusses vor Augen, der von unzähligen, größtenteils unbestimmten oder unbestimmbaren Sedimenten durchsetzt ist (wo unsere Stimme gänzlich versagt, dort kommen wir nicht einmal ansatzweise zu Wort und wo wir nicht einmal im Ansatz zu Wort kommen können, dort sind wir ausnahmslos zum Schweigen verurteilt, dort können wir die Dinge auch nicht beim Namen nennen, folglich bleiben sie unbestimmt oder unbestimmbar), so dass es uns unmöglich ist, seinen Grund zu erkennen, fischen wir im Trüben (was wiederum Raum für wissenschaftliche Spekulationen, Theorien, aber auch für Mythen und Aberglauben bietet) – immerhin wird gefischt, was das Zeug hält, könnte man meinen; allerdings fehlt den Maschen unserer ausgeworfenen Netze die nötige Elastizität, um das Große und Ganze zu erfassen; die Maschen sind weder zu groß, noch sind sie zu klein, ihnen fehlt schlichtweg die Fähigkeit, sich dem Unfassbaren anzupassen. Wir müssten, wollten wir es begreifen, ein Netz auswerfen, während wir uns außerhalb des Stromes befinden, was unmöglich ist, schließlich sind wir Menschen Teil eines gewaltigen Mysteriums, ergo nehmen wir mit unserem Bewusstsein Anteil an diesem Mysterium (der Mensch ist einerseits ein gravitätisches Schwergewicht, andererseits ist er ein gleichermaßen verletzliches wie vergängliches Leichtgewicht, in Wahrheit ist er weder einerseits, noch ist er andererseits, er ist vielmehr ganz und gar und damit ist schon alles gesagt). Thales steigt nicht in den Brunnen hinab, weil er, wie es die Nachwelt deuten wird, darin den Sternenhimmel besser beobachten kann; er benutzt den Brunnenschacht, anders als uns die Anekdote weismachen möchte, vielmehr als mächtiges Sprachrohr, tatsächlich aber ruft er nicht nur seine Begeisterung in die Weite des Weltalls hinaus, er hört und horcht vielmehr, er hält inne und wartet auf einen Widerhall, während er die Schönheit der kosmischen Klänge vernimmt und zuletzt schweigt und verstummt – die thrakische Magd verspottet den Philosophen nicht, weil er in den Brunnen gefallen ist, sie verspottet ihn aufgrund seines kindlichen Gemüts, das ihm trotz seines greisen Alters eigen ist. Josef, der deutlich früher als Thales von seinen Brüdern in einen Brunnen geworfen wird – seine Brüder beneiden ihn um seinen bunten Rock, dessen Gewebe im Glanz der Sonne aufblitzt und aufleuchtet - hört darin die atemberaubende Schönheit der Stimme Gottes, deren Lichtstrahl ein tiefgründiger Hinweis für den Hinabgeworfenen ist, der in unvorstellbare Höhen weist...
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Ökonomie der Metapher. - Das Bildhafte einer Metapher dient der Anschaulichkeit eines abstrakten Sachverhaltes, den schlüssig nachvollziehbar zu beschreiben eine Vielzahl von Wörtern in Anspruch nehmen würde. Metaphern bringen (hoch-)komplexe Sachverhalte bildhaft auf den Punkt; sie leuchten ein, ohne viel Worte zu verlieren. Der Weg, der - was einen Sachverhalt betrifft, der einer Erklärung bedarf - zwischen der Fragestellung, die ihm auf den Grund gehen möchte und ihrer Antwort, die ihm auf den Grund geht, liegt, ist im Fall einer Metapher am kürzesten - dieser Aphorismus ist im Grunde genommen eine Metapher. Er stellt sie aus, wie Künstler ihre Exponate ausstellen, nicht auf dem Blatt Papier, sondern im Geiste seines Lesers; die Wörter, die er hierbei verwendet, sind trittsichere Sprossen einer Strickleiter, die der Aphorismus aufbietet, nicht um selbst auf- oder abzusteigen, sondern um den Bedeutungen seiner Wörter einen Zugang zu seinen Lesern zu ermöglichen, deren einzige Bringschuld ihre Offenheit ist.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Einleuchten und Einstellungen. - Wenn jemandem etwas einleuchtet, wenn ihm oder ihr also ein Licht aufgeht, so geschieht dies in einem geistigen Raum, der nicht zugestellt wurde, indem wenigstens ein lichter Platz für Umstellungen vorhanden ist – wo aber mentale Umstellungen stattfinden, ja, wo, im Zustand einer intellektuellen Klarstellung (die Redlichkeit; wer redlich ist, der führt sich zuallererst selbst nicht hinters Licht) Verstellungen unnötig oder überflüssig werden, dort erfolgen bestenfalls auch Veränderungen der Einstellungen, letztlich der Handlungen. Man darf in dunklen Zeiten die Hoffnung nicht aufgeben, die Hoffnung in dunklen Zeiten aufgeben hieße: Da ist ein für alle Mal Schicht im Schacht! Grundvoraussetzung dafür, dass jemandem etwas einleuchtet, ist seine oder ihre (Welt-)Offenheit.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Verhältnis zwischen (innerer) Bildung und Menschenbild. - Eine Person kann (äußerlich) gebildet sein, während ihr Menschenbild negativ besetzt ist, während eine Person, die weder lesen noch schreiben kann, über ein positives, humanes, humanistisches Menschenbild verfügt. Wenn die Weisen davon sprechen, dass der Mensch das größte Buch sei, das es zu lesen gelte – und manche von ihnen sprechen davon, indem sie zwinkern, blinzeln oder schielen -, so verweisen sie nicht auf die beiden äußeren Sehorgane des Menschen, sondern auf sein inneres, geistiges Auge. Die wahre Gelehrsamkeit des Menschen entzieht sich äußeren Blicken. Der Ausdifferenzierung der Gesellschaft, der das moderne Bildungssystem geschuldet ist, steht die absolute, atavistische oder archaische Integrität des Weisen und des Kleinkindes gegenüber.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Häresie und Überfahrt. – Die größte Gefahr, den eigenen Lebensweg zu verfehlen, besteht darin, bereits vorhandenen Wegweisern zu folgen, die in die Irre führen (und die Irregeleiteten beklagen sich nicht darüber, auf Abwege geraten zu sein, ein Umstand, der durch einen kleinen, unscheinbaren Ausfallschritt jederzeit behoben werden könnte, auch klagen sie nicht über den Missstand, Umwege betreten zu haben, die kein Ende nehmen, vielmehr halten sie die Abwege und nicht enden wollenden Umwege, die sie irrtümlicherweise betreten haben, für den eigentlichen Weg, hierdurch aber, durch den Zustand der permanenten Ausweglosigkeit, werden sie geradewegs in die Irre geleitet). Wer in Unkenntnis seines eigenen Zieles ist, ja, wer über kein eigenes Ziel verfügt oder keines verfolgt, der verharrt dauerhaft im Stillstand oder aber er tritt in fremde Fußstapfen, vorgegebenen Linien von Booten gleich, in die er sich nacheinander zurückziehen kann, während er sich einer Route anvertraut, die ihn zwar sicher über das Meer führen wird, die ihn zugleich aber auch daran hindert, es eigenständig zu erkunden, zu erfahren und zu erleben. Man muss, wenn man dem Leben auf den Grund gehen möchte, während der Überfahrt auch den eigenen Untergang in Kauf nehmen – wer untergeht und wieder auftaucht, der hat sich verwandelt, der ist nicht mehr ein und derselbe Mensch. Die Erzählungen von Schiffbrüchigen, die den eigenen Untergang überlebt haben, haben, nachdem sie die richtigen Worte für das (Un-)Glück gefunden hatten, späteren Abenteurern neue, ungeahnte Seewege eröffnet und ermöglicht. Mystiker loten Tiefen aus, deren unfassbare Höhen Dogmatikern unerreichbar bleiben – See ist nicht gleich See, Tiefsee ist nicht gleich Tiefsee, Seefahrt nicht gleich Seefahrt! In Wahrheit ist jeder Mensch mehr oder weniger ein Mystiker, während er in Wirklichkeit mehr oder minder ein Dogmatiker ist – wer jenes vollkommen (ver-)leugnet, der verdorrt und vertrocknet innerlich, wie er sich verausgabt, sich verliert und verzweifelt, wenn er dieses vollends ignoriert. Je näher sich der Mystiker und der Dogmatiker im Menschen kommen, umso zufriedener ist er, je unversöhnlicher sie sich gegenüberstehen, desto unzufriedener wird er sein - ein gelungenes Leben ist keine Gratwanderung, es ist das Ergebnis einer geglückten Synthese. Während seiner Gratwanderung faltet der Wanderer die steilen Flanken des Berges, er glättet das Plateau, er macht die gesamte Fläche des Gebirges sicher betretbar und begehbar.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Licht am Ende des Tunnels. – Das Argument ist das Licht am Ende des Tunnels (des Satzes, der Behauptung); mit ihm wird klar und deutlich, was zuvor bloß gemeint war. Behauptungen, denen Argumente abgehen, sind obskur; sie führen in die Sackgasse – die Philosophie bewahrt vor diesem Fehltritt, die Politik führt unvermeidlich in den Tunnel, der Populismus verführt auf Schlängelwegen geradewegs in die Sackgasse hinein. Die Schweizer Tunnelbauer machen vor, wie die (direkte) Demokratie Licht ins Dunkel bringen kann.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Vom Klimawandel zur Klimakrise oder Auf Durchzug stellen. – Aufgrund der enormen Hitzeentwicklung in den völlig zugebauten Metropolen trieben sie das Stoßlüften frühmorgens so weit, dass sie den wenigen Lebensmüden, die sich mittags auf die Straße wagten, wie Backwaren erschienen; Großstädter, die vor den Blicken der wagemutigen Passanten durch die sperrangelweit geöffneten Fenster ihrer Erdgeschosswohnungen, Schaufenstern gleich, nicht mehr bloß entblößt ausgestreckt darin lagen, sondern darüber h(in)aus bis weit nach Mitternacht ausgestellt waren.
Aufzeichnungen. Copyright © 2026 Bülent Kacan
Kenntnis und Erkenntnis. - Der Unterschied zwischen der Einsicht in eine Sache und einem Einblick darin ist ein himmelweiter. Ein Auto zu fahren ist das eine, Kenntnis von seiner Mechanik zu haben und es im Fall der Fälle zu reparieren, ist etwas ganz anderes; manche verzweifeln bereits am Reifenwechsel – nicht, weil kein Ersatzreifen vorhanden wäre, auch nicht, weil sie zwei linke Hände hätten, sondern weil sie selber eine Schraube locker haben.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Prosanachbarschaftsbeziehungen. - Stoßen ein Essay und ein Aphorismus einmal zufälligerweise zusammen, so tritt der überraschte Essay einen Schritt zurück, zieht seinen Hut, verbeugt sich vor dem nach wie vor standhaften Aphorismus und spricht folgenden Satz aus: “Alle Achtung, ganz so dicht, wie Sie es sind, haben wir es allemal versucht!”
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Gigantomachie (Herkules en miniature). - Der Kampf der Blattschneiderameise mit dem Blatt, das sich schon im nächsten Moment wendet.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Kurze Kulturgeschichte der Menschheit. - Am Anfang war das Wort, in der Mitte die Schrift, am Ende das Bild.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Auschnitt Notizbuch
Dialog als Seiltanzakt. - Die Sprache ist ein unsichtbares Seil, das zwischen zwei Personen, die ein Gespräch führen, gespannt ist und auf dem ihre Worte, die sie untereinander in einer Sache wechseln und wodurch oder worüber sie ihre Gedanken austauschen, einen mitunter riskanten Balanceakt hinlegen. Nicht die Widerworte des einen sind es, die den Worten des anderen in die Quere kommen und das Gespräch abrupt beenden können. Es ist der Widerwille des einen oder anderen, die abweichende Meinung des anderen, die dieser in der Sache hat und die er in seinen Widerworten wiedergibt, zu tolerieren, der drauf und dran ist, das Seil - die Verständigung, das Verhältnis oder die Verbindung - zu kappen und die Zelte ein für alle Mal abzubrechen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Schrägerweise. - Sie hatten beide einen Knick in der Pupille, dies war im Übrigen auch der Grund, weshalb sie sich gefunden hatten. Er und Sie - es war gewissermaßen Liebe auf den dritten Blick gewesen. Folglich saßen sie, sobald sie sich einen Tisch beim Italiener reservieren ließen, den gesamten Abend schräg gegenüber, ein Umstand, der das eine oder andere Paar, das sich den gesamten Abend über gegenübersaß, während es sich nichts mehr zu sagen hatte - die Griffe nach ihren Smartphones folgten sozusagen im Minutentakt - belustigte. Unser Paar, von dem hier die Rede ist, sprach hierbei nicht etwa aneinander vorbei, nein, Er und Sie verstanden sich gerade hierdurch ausgesprochen gut.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Sprache und Zeit. - Mit der Frage, was (die) Zeit ist, berühren wir lediglich einen gegenwärtigen Punkt des Phänomens Zeit und zwar exakt in dem Moment, in dem das Verb im Satz auftaucht (eine winzig kleine Insel, die für Bruchteile eines Augenblicks aus einem gleichermaßen unergründlichen wie grenzenlosen Meer auftaucht und gleich wieder darin verschwindet; tatsächlich handelt es sich hierbei nicht um eine Insel, sondern um eine Welle, die sich von ihren Vorläuferinnen und ihren Nachfolgerinnen dadurch unterscheidet, dass wir unser Augenmerk auf sie allein richten). Wir könnten nun versuchen, unsere Frage nach dem Wesen der Zeit endlos zu wiederholen, das heißt, wir könnten das Verb ist endlos aneinanderreihen, mit anderen Worten wir könnten den Versuch unternehmen, eine endlose Inselkette auf einem gleichermaßen grenzenlosen wie unergründlichen Meer wahrzunehmen, während sich in Wahrheit Welle an Welle aneinanderreiht, dem Phänomen Zeit würden wir hierbei nicht auf die Schliche kommen können. Selbst mit der Frage, was die Zeit sein könnte, stellen wir uns, die wir vermeintlich endgültige Antworten hierauf parat haben (sie ist dieses oder jenes) selbst ein Bein; allerdings kommen wir im Zustand des Strauchelns gut zurecht.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Wahrheit, Willkür und Wahrnehmung. - Ein Ereignis, an das wir uns erinnern, war weder in unserer unmittelbaren Erfahrung dasjenige, für das wir es hielten, als wir es erfuhren, wie es nachträglich in unserer Erinnerung ein ganz anderes ist, als es uns zuvor erschien. Das Ist des Ereignisses in unserer Erinnerung, sein von uns erinnertes Sosein, deckt sich nicht mit dem, wie das Ereignis wirklich war – unter Umständen ist fraglich, ob es überhaupt existiert hat, es sich folglich um eine Einbildung handelt - unabhängig von unserer Erfahrung, ja, es kommt vor, dass wir seinem Ist-Zustand, wie er in unserer Erinnerung erscheint, eine unumstößliche Evidenz zuschreiben, wir verteidigen ihn unter Umständen verbittert, nicht das Ereignis, nicht unsere Erfahrung damit, sondern seinen von uns erinnerten Ist-Zustand, sein Sosein in unserer Erinnerung, auch wenn wir mittlerweile eines Besseren belehrt wurden. Das Ich hält unter Umständen verbittert in seinen Erinnerungen an vergangenen Ereignissen fest, nicht so sehr weil es sich mit diesen identifiziert, sondern weil es in seinen Erinnerungen daran seinen gegenwärtigen Standpunkt in der Zeit bestimmt und diesen einnimmt; geraten die Erinnerungen an vergangene Ereignisse dadurch außer Kontrolle, weil das Ich zwischenzeitlich eines Besseren belehrt wurde – die Dinge haben sich ganz anders verhalten als angenommen - so kann dieses Ich den Boden unter den Füßen verlieren. In einem Zustand fehlender Bodenhaftung kann dieses verunsicherte Ich, das Orientierung in der Gegenwart sucht, ins Extreme umschlagen (…).
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
(Gekürzt / Aufgrund vorhandener Erinnerungslücken überarbeitet am 07.06.2026)
Kunstbetrachtungen und Metamorphosen. - In einem Kunstwerk ist auch immer ein ausgesprochen-unausgesprochenes Versprechen auf eine bessere Welt eingeschrieben und auch wenn wir nicht an eine bessere Welt glauben können, weil wir unseren Glauben daran in der gegenwärtigen verloren haben, so kaufen wir ihm sein Versprechen ab, so glauben wir zuletzt doch daran – andernfalls würden wir kein (Kunst-)Museum aufsuchen, schließlich tauchen wir in seine ausgestellten Welten ein, möchten wir uns an seinen Exponaten erfreuen, wenigstens möchten wir mit der Welt außerhalb davon, wenn auch vorübergehend, auf Abstand gehen. Tatsächlich stellt das Kunstwerk bereits durch seine eigene Existenz unter Beweis, dass wir, wenn schon nicht in der besten aller Welten leben, so doch in einer Welt existieren, in der - freilich ohne uns über die tatsächlichen Verhältnisse in ihr zu täuschen - alternative Sichtweisen auf die Dinge in ihr, ja, auf diese Welt überhaupt existieren, die wir nachvollziehen können oder aber nicht; das Kunstwerk hält hierzu lediglich Einladungen bereit (nicht selten, indem es uns vor den Kopf stößt), es liegt an uns, ihnen zu folgen oder aber nicht. Zeigen wir uns für seine Angebote zugänglich, so besteht die Möglichkeit, dass wir uns über unsere Betrachtungen, die eine Annahme seines Angebots, seiner Einladungen, die Dinge dieser Welt, ja, diese Welt selbst aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, bedeuten, selbst verwandeln, hierbei allein, wenigstens aber in unserer Bereitschaft, eine Verwandlung zuzulassen, ist schon viel gewonnen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Sanat Üzerine Düşünceler ve Başkalaşımlar. - Bir sanat yapıtının içine her zaman daha iyi bir dünyaya dair ifade edilmiş-edilmemiş bir vaat kazınmıştır, şimdiki dünyada inancımızı yitirdiğimiz için daha iyi bir dünyaya inanamasak bile, yapıta ve onun vaadine kanarız, sonuçta ona yine de inanırız - aksi takdirde bir (sanat-)müzesini ziyaret etmezdik, nihayetinde onun sergilenen dünyalarına dalarız, sergilenen eserlerden keyif almak isteriz, en azından dışarıdaki dünya ile, geçici de olsa, aramıza mesafe koymak isteriz. Aslında sanat yapıtı, sırf varlığıyla bile, en iyi dünyada yaşamasak da, içindeki şeylere ve hatta bu dünyanın bütününe dair alternatif bakış açılarının var olduğu bir dünyada yaşadığımızı kanıtlar - bu dünyadaki gerçek koşullar konusunda kendimizi kandırmadan - bu alternatif bakış açılarını kavrayabiliriz ya da kavramayız; sanat yapıtı bu konuda sadece davetler sunar (çoğu zaman bizi sarsarak yapar bunu), bu davetlere icabet edip etmemek bize kalmıştır. Eğer onun sunduklarına kendimizi açarsak, bakış açılarımız aracılığıyla kendimizi dönüştürme imkanımız doğar, bu bakış açıları, yapıtın sunduğu teklifi ve daveti kabul etmek, yani bu dünyanın nesnelerine ve dünyanın kendisine farklı perspektiflerden bakmak anlamına gelir, sadece bu dönüşümün gerçekleşmesiyle, hatta en azından bir dönüşüme izin verme hazırbulunuşluğuyla bile, çok şey kazanılmış sayılır.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Sinn und Transzendenz. - Das Innenleben der Wörter sind ihre Bedeutungen, die wir ihnen - bildhaft oder nicht - zuschreiben. Der Leser des Satzes – des vorliegenden Satzes! - gleicht auf ganzer Linie einem Voyeur, der nacheinander ein Auge auf die offenen Wörter wirft, die sich ihrerseits mehr oder weniger exhibitionistisch verhalten, schließlich zeigen sie sich ihm ganz unverhohlen (wären sie verschlossen und hätten sie etwas zu verbergen, so hätten sie im Satz nichts verloren). Der Leser des Satzes transzendiert die mehr oder weniger immanenten Bedeutungsinhalte der in ihm enthaltenen Wörter, er schält sie aus ihnen heraus, er hebt und erhebt sie; die Bedeutungen der Wörter verlieren ihre Bodenhaftung, sie schweben haltlos im logischen Raum, in gewisser Weise vollziehen sie hierbei eine Unio Mystica, sie schäumen über; der Sinn des Satzes ist nichts anderes als eine ekstatische Vereinigung sämtlicher Bedeutungsinhalte seiner Wörter, der über den Punkt, der ihn formal begrenzt, hinausgeht, schließlich kann er ihn nicht (zurück-)halten; seine Grenzüberschreitung ist dem Satz gewissermaßen eingeschrieben, der Sinn des Satzes i s t diese Grenzüberschreitung. Worin wir einen Sinn erblicken, darüber hinaus geraten wir mit dem Transzendenten in Berührung. Der Sinn des Schönen überragt hierbei alle anderen, denn durch das Schöne, das sich uns zeigt, geraten wir mit dem Übersinnlichen auf erheiternde, erhellende, erhebende, ja, mitunter auf ekstatische Weise in Berührung. Die Mystikerinnen und Mystiker aller Zeiten und Herren Länder - besinnungslos, keineswegs aber bedeutungslos wie sie nach ihren Begegnungen mit dem Transzendenten waren - können ein Lied davon singen, darüber sprechen konnten sie nicht. Es lässt Begegnungen und Berührungen zu, allein, Es lässt sich nicht annähernd benennen. Wofür wir allerdings keine Worte finden, das ist deswegen noch lange nicht nicht-existent.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Spiegelbilder. - Sobald wir ü b e r den Anderen sprechen, sprechen wir immer auch (unausgesprochen) ü b e r uns selbst, d.h. wir sprechen weder m i t dem Anderen, sobald wir ü b e r ihn sprechen, noch führen wir aufrichtige (authentische) Selbstgespräche. Was wir an uns selbst nicht wahrhaben wollen, nehmen wir am Anderen wahr; der Andere ist ein Stellvertreter von Aspekten unseres Selbst, die wir, weil wir sie nicht an uns selbst wahrhaben wollen, am Anderen wahrnehmen, selbst wenn ihm diese gar nicht eigen sind. Der Andere ist so gesehen ein negativer Spiegel, in den wir blicken, um positive Effekte zu erzielen; nicht selten erhöhen wir uns, während wir den Anderen erniedrigen, während wir ü b e r ihn, anstatt m i t ihm zu sprechen, anstatt in aufrichtige (authentische) Selbstgespräche zu kommen; wir blicken in diesen Spiegel, ohne uns hierbei selbst zu erkennen, dabei verkennen wir außerdem den Anderen. Tatsächlich bietet sich das menschliche Antlitz an, um im gemeinsamen Gespräch in die tiefsten Dimensionen des Selbst vorzustoßen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Punkt. Kreis. Erzählen. - Sobald du den Bleistift ansetzt, erscheint, unmittelbar unterhalb der Bleistiftspitze, ein Punkt auf dem Blatt Papier, dieser Punkt ist nichts anderes als ein winzig kleiner Kreis, der Kreis wiederum ist vollkommen. Mit anderen Worten, die Geschichte, die du erzählen möchtest, ist bereits, noch bevor du damit begonnen hast, sie zu erzählen, im Punkt - der Erfüllung des Kreises – vollkommen enthalten, du kannst sie im Verlauf der Verschriftlichung zur Vollendung bringen oder, weil du nicht (kon-)zentriert genug bist, verhunzen. Aus dem Kreis heraus, dass heißt, aus der punktuellen Vollkommenheit, der diese in geometrischer Form repräsentiert, entsteht alles, alles strebt auf 1001 Wegen und Umwegen zu seiner Vollendung hin und wieder zurück, vollkommen ist es bereits.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Purzelbäumer. - Mit den Kleinen durch die Fußgängerzone gepurzelt; zunächst ich vorneweg, dann allerdings, nach dem zweiten, halbwegs gelungenen Purzelbaum, hatten die Kleinen die Nase vorn, sie purzelten uneinholbar auf und davon. Zwei ältere Passanten, möglicherweise ein Ehepaar, waren drauf und dran, mit uns mitzupurzeln, sie deuteten einen Purzelbaum ansatzweise an, haben es dann aber doch sein lassen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Ästhetik des Fußballspiels. - Die Aufgabe des Schiedsrichters ist es, die Grammatik des Fußballspiels zu gewährleisten (wer das Reglement versteht, der spricht die Sprache des Spiels, der redet überhaupt mit, ja, der hat, je versierter er (mit-)spielt, ein Wörtchen mitzureden, unabhängig davon, ob er die Muttersprache seiner Vereinskameraden spricht oder nicht). Außergewöhnlich begabte Spieler gehen, in unvergesslichen Augenblicken des Wunderbaren, bis an die Grenzen des Spielbaren, dass heißt, sie hinterlassen außerordentlich schöne, poetische Spuren (Signaturen) im ansonsten prosaischen Textgewebe des Fußballspiels. Das Faszinierende am Fußballspiel ist nicht die Regel, es sind die unerwarteten Augenblicke des erwartbaren Wunderbaren darin, die sich (nicht ohne Mitsprache, der Stimme, dem Schrei des Kommentators) in die Netzhaut des fußballbegeisterten Zuschauers einbrennen und hierdurch unvergesslich bleiben.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Ausschnitt Notizbuch
Kurze Meditation über Raum und Zeit. - Der Tag hat 24 Stunden, ganze 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, ein Menschenleben lang, so weit, so gut, könnte man meinen und doch dehnt sich jeder einzelne Augenblick, den du bewusst wahrnimmst, aus, zieht er sich horizontal in die Länge, sinkt er auch geradwegs in die Tiefe, dauert der Moment weit mehr als ein Sekundenbruchteil an, überdauert er das gewöhnliche Maß eines einzigen Momentums, gehen die Augenblicke nahtlos ineinander über, sprengst du, auch in dem Bewusstsein, dass das Leben insgesamt ein einziger, nicht enden wollender Augenblick ist, zuletzt den äußeren zeitlichen Rahmen – dein inneres Uhrwerk, es läuft im Zuge deiner Versenkung langsamer, es läuft losgelöst von der Schwerkraft deines Seins, auch wenn es nicht am Schnürchen läuft, lass es laufen, lass es zu! Finde im Augenblick ein kleines Fenster hin zur Ewigkeit, öffne es und siehe, blicke hindurch! Raum in Raum, Zeit in Zeit – du selbst, sieh zu!
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan