Meditationen
Lichtspiele. - Die richtige Farbe Blau finden, dass heißt, das richtige Licht finden, in dem es in seiner ganzen Pracht in Erscheinung tritt; den richtigen Standort ausfindig machen, den richtigen Augenblick abwarten und dem Zusammenspiel von Licht und Farbe beiwohnen, es innewohnen lassen in dir selbst, diesem inwendigen, vergänglichen Gewölbe mit seinem eigenwilligen Licht, das sich für kurze Zeit erhebt und einen kleinen, bescheidenen Raum einnimmt innerhalb des äußeren gewaltigen, ewigen, nicht vergänglichen und seinem herrlichen Leuchten.
Aufzeichnungen. Copyright © 2022 Bülent Kacan
Punkt. Kreis. Erzählen. - Sobald du den Bleistift ansetzt, erscheint, unmittelbar unterhalb der Bleistiftspitze, ein Punkt auf dem Blatt Papier, dieser Punkt ist nichts anderes als ein winzig kleiner Kreis, der Kreis wiederum ist vollkommen. Mit anderen Worten, die Geschichte, die du erzählen möchtest, ist bereits, noch bevor du damit begonnen hast, sie zu erzählen, im Punkt - der Erfüllung des Kreises – vollkommen enthalten, du kannst sie im Verlauf der Verschriftlichung zur Vollendung bringen oder, weil du nicht (kon-)zentriert genug bist, verhunzen. Aus dem Kreis heraus, dass heißt, aus der punktuellen Vollkommenheit, der diese in geometrischer Form repräsentiert, entsteht alles, alles strebt auf 1001 Wegen und Umwegen zu seiner Vollendung hin und wieder zurück, vollkommen ist es bereits.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Der Wurf. - Ein Kunstwerk, das seinen Betrachter berührt oder bewegt, ist der Stein des Anstoßes; es zieht kreisrunde Wellen auf einem See nach sich, die seinen Betrachter dazu anregen, ihn in ihm selbst auszuloten. Ein Kunstwerk zu betrachten, es anzuschauen, von ihm beeindruckt, möglicherweise sogar nachhaltig beeinflusst zu werden, heißt auch immer, sich ihm und seinen Ausdrücken grundlos, dass heißt unvoreingenommen auszusetzen. Nicht ohne Grund setzt das Staunen genau dann ein, sobald jemand, der sich zuvor nur scheinbar in allen Belangen selbst im Griff, in der Gewalt hatte, vor einem Kunstwerk steht und schlagartig von ihm überwältigt wird.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Sehen und gesehen werden. - Der wahre Reichtum des Menschen verbirgt sich in ihm, der äußere (materielle) verdeckt nicht selten seinen verborgenen inneren (immateriellen). Dadurch dass und indem er liebt, offenbart er seinen inneren Reichtum, während der äußere nicht selten an Mittel gebunden bleibt, die einen unmittelbaren Ausdruck seiner Liebe erschweren. Der liebende Mensch erblickt den geliebten Menschen trotz der Mittel, die ihn umgeben, die einen unverstellten Blick auf ihn erschweren, mit denen dieser versucht, sich zu verbergen, sei es aus Furcht, entblößt, dass heißt in seiner Nacktheit erkannt, schließlich verletzt zu werden, sei es aus Lust, nach und nach entdeckt werden zu wollen. Liebende sind Erkennende. Sie verstellen sich nicht, sie sind Einandersehende, sie sehen sich, nackt wie sie sind, weil sie gesehen werden wollen, ohne sich hierbei die Blöße zu geben. Sie stehen sich in einem gleichwertigen Verhältnis gegenüber, das kein Gegeneinander ist sondern, indem es ihr Miteinander transzendiert, ein Verhalten des Füreinanders evoziert. Auch gibt ihr Verhältnis die fundamentale Antwort auf die entscheidende Frage nach dem Sinn einer Beziehung wieder: Hier, mit Mir, darfst Du Du selbst sein, wie Ich Ich sein darf, zugleich bilden Wir gemeinsam ein Wir, das weitaus mehr ist, als Du und Ich jemals sein können; ein Wir, das Uns beide birgt, in dem Wir Uns beide geborgen fühlen dürfen, an dem Wir beide gleichermaßen Anteil haben, in dem Du und Ich ungehindert wachsen dürfen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2022 Bülent Kacan
Transzendenzerfahrungen. - Die Variationen der Liebe erscheinen wie die Facetten des Lichts, sie erfüllt die Liebenden mit einem wundersamen Licht, das nicht von dieser Welt zu stammen scheint. Wer Liebenden begegnet, der meint, in die Umlaufbahnen zweier Sonnen zu geraten, die gemeinsam ein geheimnisvolles, glühendes Zentrum umkreisen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Die Farbe Grau als Vermittlungsinstanz im Schwarz-Weiß-Denken. - Der Nachteil der Farbe Grau ist, dass sie sich im Konfliktfall, der zwischen zwei Kontrahenten ausbricht, mitten drin befindet, wodurch sie selbst Gefahr läuft, in die Bredouille zu geraten, gleichsam in die Mangel genommen zu werden, tatsächlich läuft die Farbe Grau Gefahr, sich aufzureiben, sollte sie sich nach beiden Seiten hin verausgaben oder aber sie läuft im Fall einer ein- oder beiderseitigen Vereinnahmung Gefahr, angegangen und aufgerieben zu werden. Der Vorteil, den die Farbe Grau im Konfliktfall zweier Kontrahenten mit sich bringt, ist, dass sie zwischen den Konfliktparteien, die in einer entscheidenden Sache extrem weit auseinanderliegen, Verbindungen herleiten kann, wenigstens aber kann sie Verknüpfungen zwischen den extremen Standpunkten der Kontrahenten herstellen, so dass, bei fortwährendem vermittelnden Kontakt, Verflechtungen, bestenfalls Verbindungen zwischen den Kontrahenten hergestellt werden können; im Idealfall führen diese zu vertraglichen Vereinbarungen, so dass der Konflikt beigelegt werden kann. Im Extremfall sind, soll der Normalfall wieder hergestellt werden, die Grautöne als mäßigende, als maßgebliche Vermittlungsinstanzen entscheidend; wer Kompromisse eingeht, der bewegt sich immer auch halb freiwillig, halb gezwungen im Graubereich der Übereinkunft. Die beste Tageszeit, in der zwischen zwei kompromissbereiten Kontrahenten eine Übereinkunft erzielt werden kann, ist das Morgengrauen. Die einstigen Gegner, die zuvor der Überzeugung waren, eine weiße Weste zu haben, blicken nunmehr, nachdem sie eine Übereinkunft in einer entscheidenden Sache erzielt haben, gemeinsam in eine lichte, verheißungsvolle Zukunft. Kontrahenten hingegen, die unter allen Umständen an einer Gegnerschaft festhalten wollen, sehen in der Farbe Grau ein rotes Tuch.
Aufzeichnungen. Copyright © 2022 Bülent Kacan
Purzelbäumer. - Mit den Kleinen durch die Fußgängerzone gepurzelt; zunächst ich vorneweg, dann allerdings, nach dem zweiten, halbwegs gelungenen Purzelbaum, hatten die Kleinen die Nase vorn, sie purzelten uneinholbar auf und davon. Zwei ältere Passanten, möglicherweise ein Ehepaar, waren drauf und dran, mit uns mitzupurzeln, sie deuteten einen Purzelbaum ansatzweise an, haben es dann aber doch sein lassen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Summum bonum. - Das höchste Gut: Die Güte. Die höchste Form der Güte: Die Barmherzigkeit.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Ästhetik des Fußballspiels. - Die Aufgabe des Schiedsrichters ist es, die Grammatik des Fußballspiels zu gewährleisten (wer das Reglement versteht, der spricht die Sprache des Spiels, der redet überhaupt mit, ja, der hat, je versierter er (mit-)spielt, ein Wörtchen mitzureden, unabhängig davon, ob er die Muttersprache seiner Vereinskameraden spricht oder nicht). Außergewöhnlich begabte Spieler gehen, in unvergesslichen Augenblicken des Wunderbaren, bis an die Grenzen des Spielbaren, dass heißt, sie hinterlassen außerordentlich schöne, poetische Spuren (Signaturen) im ansonsten prosaischen Textgewebe des Fußballspiels. Das Faszinierende am Fußballspiel ist nicht die Regel, es sind die unerwarteten Augenblicke des erwartbaren Wunderbaren darin, die sich (nicht ohne Mitsprache, der Stimme, dem Schrei des Kommentators) in die Netzhaut des fußballbegeisterten Zuschauers einbrennen und hierdurch unvergesslich bleiben.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Lebenswelten und Sprache. - Eine Bruderschaft der Konnotationen pflegen. Nicht dadurch, w i e jemand etwas sagt, sondern w a s er damit meint, sobald er etwas (wie auch immer) sagt, ist ausschlaggebend für ein tieferes zwischenmenschliches Verständnis, für eine tiefere zwischenmenschliche Verständigung. Widerfährt zwei Freunden auf ihrer Wanderschaft in den Bergen ein Unglück, ein Felssturz beispielsweise, den beide glücklicherweise überstehen, indem sie der Naturkatastrophe im letzten Moment ausweichen (sie haben Glück im Unglück), so werden sich die beiden Wanderer künftig Weggefährten nennen dürfen, durchaus in einem spirituellen Sinn. Erinnerungen der beiden an die Gefahr, die sie überstanden haben, weckt in beiden identische Bilder, Konnotationen und Emotionen. Das Glück, das die beiden Freunde im Unglück hatten, war, rückblickend betrachtet, das Unglück selbst, dass heißt, der Felssturz, vielmehr noch ihre Erfahrung, dass sie die Naturkatastrophe überstanden haben, hat sie im spirituellen Sinne zusammenschweißen lassen (sie tragen, was das Wesentliche einer wahren Freundschaft ist, Verantwortung füreinander).
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Spielregeln und Raumtiefe. - Sobald die Handlungsspielräume enger werden, nimmt, insofern die Spielregeln den Umständen nicht angepasst wurden, auch das Risiko der Akteure zu, Regelbrüche in Kauf zu nehmen. Fußballspieler, die es gewohnt sind, mit 22 Mann auf einem Spielfeld von 50 * 100 Metern zu spielen, werden bei gleicher Anzahl an Feldspielern, auf einem Spielfeld von 20 * 40 Metern deutlich häufiger zum Foul ansetzen oder ausholen (müssen). Fairness geht immer auch einher mit der Übereinstimmung zwischen der Tiefe des Raumes, die den Akteuren geboten wird und in denen sie sich verwirklichen können sowie den Spielregeln, die diese, ihre Handlungsabläufe, darin ermöglichen (und gewährleisten). Der Schiedsrichter würde sich überflüssig machen, wenn jeder einzelne Fußballspieler sämtliche vorhandenen Spielregeln verinnerlichen und einhalten würde, allerdings wäre das Spiel mangels Regelbruchs dann kein Spiel mehr, sondern ein lebloser Mechanismus. Einkalkulierte Fouls sind integraler Bestandteil des Spiels, im Großen, wie im Kleinen. Wer übertreibt, der fliegt vom Platz, im Großen, wie im Kleinen. Wer die Spielregeln bestimmt, der herrscht über den Platz, im Großen, wie im Kleinen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Mitgerissen werden. - Auf den entscheidenden Abschnitten ihres Weges - es handelt sich um Übergänge, die eine neue Phase ihres Wachstums in alle nur denkbaren, aber auch undenkbaren Himmelsrichtungen ankündigen - nehmen die Weisen die Form von Rädern an, die über vier zappelnde Speichen verfügen, wobei sie vor nichts und niemandem Halt machen; einmal in Fahrt gekommen, rollen die jubelnden Räder auf und davon. Wer ihnen unterwegs in die Quere kommt, der wird nicht etwa überrollt, was den Davonrollenden angesichts der überaus schmalen, rasiermesserscharfen Wegstrecken durchaus zuzutrauen wäre, der wird von ihrem überschwänglichen Elan vielmehr erfasst und mitgerissen; der Ergriffene purzelt aus freien Stücken mit den Weisen mit, nimmt während seines überstürzten Rollvorgangs die Form eines halbwegs ansehnlichen Rades an und rollt, sichtlich erfreut über die außerordentlich hohe Reisegeschwindigkeit, eine geraume Zeit jauchzend hinter den Weisen her. Die Aufholjagd endet abrupt, sobald das Verfolgerrad aus unerklärlichen Gründen von der Hauptroute abweicht, die eigene Spur wiederfindet, seine ursprüngliche Gestalt annimmt und glücklich und zufrieden, in gewisser Weise verwandelt seines Weges geht.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Kurze Meditation über Raum und Zeit. - Der Tag hat 24 Stunden, ganze 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, ein Menschenleben lang, so weit, so gut, könnte man meinen und doch dehnt sich jeder einzelne Augenblick, den du bewusst wahrnimmst, aus, zieht er sich horizontal in die Länge, sinkt er auch geradwegs in die Tiefe, dauert der Moment weit mehr als ein Sekundenbruchteil an, überdauert er das gewöhnliche Maß eines einzigen Momentums, gehen die Augenblicke nahtlos ineinander über, sprengst du, auch in dem Bewusstsein, dass das Leben insgesamt ein einziger, nicht enden wollender Augenblick ist, zuletzt den äußeren zeitlichen Rahmen – dein inneres Uhrwerk, es läuft im Zuge deiner Versenkung langsamer, es läuft losgelöst von der Schwerkraft deines Seins, auch wenn es nicht am Schnürchen läuft, lass es laufen, lass es zu! Finde im Augenblick ein kleines Fenster hin zur Ewigkeit, öffne es und siehe, blicke hindurch! Raum in Raum, Zeit in Zeit – du selbst, sieh zu!
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Die Gabe. - Sobald die Weisen etwas vergeben, beschenken sie sich selbst; nicht durch die Vergabe, auch nicht durch die Gegengabe, sondern durch das Geschenk, das der Andere ist.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Zwei Seiten der Transzendenz. - Es ist der Ozean, der in dem Wassertropfen, der aus schweren Regenwolken hinabfällt, ein- und aufgeht - der Tropfen kommt ihm bloß entgegen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Das Schweigen der guten Zungen gebiert lauter Unwahrheiten. - Kommen die bösen Zungen einmal auf die Wahrheit zu sprechen – und man kann sagen, sie kommen in letzter Zeit recht häufig darauf zu sprechen! – so werfen sie den guten Zungen vor, die Tatsachen zu verdrehen, ja, sie bezichtigen sie geradezu der Lüge. Da die guten Zungen es vorziehen, zu den, wie man sagen muss, unhaltbaren Vorwürfen zu schweigen, wie sie in letzter Zeit überhaupt zu allem schweigen – schließlich ruhen sie ausgesprochen bequem in ihren Rachenhöhlen, außerdem spreche die Wahrheit für sich! - stimmen sie den bösen Zungen damit bei, geben sie ihnen gewissermaßen recht.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan