Meditationen
Verteidigung des Rechtsstaates. - In einem Rechtsstaat zu leben, ist kein Naturzustand, es ist ein Privileg. Dieses Privileg, in einem Rechtsstaat leben zu dürfen, während andernorts Menschen in Unrechtsstaaten leben müssen, erscheint im historischen Rückblick auf die deutsche Geschichte - insbesondere was die Jahre 1933 bis 1945 anbelangt - nicht als Endresultat, als ein ein für alle Mal gegebenes Privilegium, sondern als ein Vorrecht oder ein Vorzug, der einer permanenten Verteidigung bedarf. In seiner Verteidigung sollte dieses Privileg, in einem Rechtsstaat leben zu dürfen, während andernorts Menschen zusehends in Unrechtsstaaten leben müssen, von seinen Verteidigern keine persönlichen Opfer abverlangen; verlangt die Verteidigung rechtsstaatlicher Prinzipien jedoch von ihren Verteidigern persönliche Opfer ab, so sind diese Opfer, selbst wenn sie in kleinsten Kreisen zu Tage treten, nachgerade wenn sie in kleinsten Kreisen zu Tage treten, bereits ein Hinweis, dass der Rechtsstaat in Gefahr ist – heute im kleinsten Kreise, morgen in größeren, übermorgen im größten.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Kurze Kulturgeschichte der Menschheit. - Am Anfang war das Wort, in der Mitte die Schrift, am Ende das Bild.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Die Prüfung. - Es gibt keine geraden Wege, diejenigen, die wir für gerade halten, sind es nur in unserer Vorstellung. Die wirklichen Wege, die wir im wahren Leben betreten und begehen, sind, auf das Ganze hin betrachtet, uneben und schief – und für die einen ist das Ganze das Leben, während es für andere weit mehr als dieses eine Leben ist, das wir führen. Sie trotzdem anzunehmen – und es gibt keine Alternative, eine Alternative zu diesen Wegen hieße an Ort und Stelle stillzustehen - ohne hierbei unsere gerade Haltung aufzugeben, ist die Prüfung. Der Jubel derjenigen Bergsteiger, die auf eigenen Wegen den Gipfel des Berges erklommen haben, ist am größten.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Auschnitt Notizbuch
Dialog als Seiltanzakt. - Die Sprache ist ein unsichtbares Seil, das zwischen zwei Personen, die ein Gespräch führen, gespannt ist und auf dem ihre Worte, die sie untereinander in einer Sache wechseln und wodurch oder worüber sie ihre Gedanken austauschen, einen mitunter riskanten Balanceakt hinlegen. Nicht die Widerworte des einen sind es, die den Worten des anderen in die Quere kommen und das Gespräch abrupt beenden können. Es ist der Widerwille des einen oder anderen, die abweichende Meinung des anderen, die dieser in der Sache hat und die er in seinen Widerworten wiedergibt, zu tolerieren, der drauf und dran ist, das Seil - die Verständigung, das Verhältnis oder die Verbindung - zu kappen und die Zelte ein für alle Mal abzubrechen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Fortschrittsoptimismus, Fehltritte und Freiheit. - Der Ursprung aller Utopien liegt im ersten Schritt und den Folgeschritten eines Kleinkindes, das laufen lernt, das Urvertrauen in den offenen Horizont ist seinem Wesen von Beginn an eingeschrieben. Noch in seinem späteren Innehalten als Erwachsener aufgrund von Hürden oder Hindernissen, die sich ihm in den Weg stellen (werden), besteht die Möglichkeit seines Vorwärtskommens. Dystopien sind nicht Ausdruck seines Rückschritts, sondern ein in die Zukunft projizierter Rückfall der menschlichen Zivilisation in die Barbarei, die in Zukunft nicht schlagartig aufkommen wird, sondern sich gegenwärtig schrittweise dorthin entwickelt.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Schrägerweise. - Sie hatten beide einen Knick in der Pupille, dies war im Übrigen auch der Grund, weshalb sie sich gefunden hatten. Er und Sie - es war gewissermaßen Liebe auf den dritten Blick gewesen. Folglich saßen sie, sobald sie sich einen Tisch beim Italiener reservieren ließen, den gesamten Abend schräg gegenüber, ein Umstand, der das eine oder andere Paar, das sich den gesamten Abend über gegenübersaß, während es sich nichts mehr zu sagen hatte - die Griffe nach ihren Smartphones folgten sozusagen im Minutentakt - belustigte. Unser Paar, von dem hier die Rede ist, sprach hierbei nicht etwa aneinander vorbei, nein, Er und Sie verstanden sich gerade hierdurch ausgesprochen gut.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Sprache und Zeit. - Mit der Frage, was (die) Zeit ist, berühren wir lediglich einen gegenwärtigen Punkt des Phänomens Zeit und zwar exakt in dem Moment, in dem das Verb im Satz auftaucht (eine winzig kleine Insel, die für Bruchteile eines Augenblicks aus einem gleichermaßen unergründlichen wie grenzenlosen Meer auftaucht und gleich wieder darin verschwindet; tatsächlich handelt es sich hierbei nicht um eine Insel, sondern um eine Welle, die sich von ihren Vorläuferinnen und ihren Nachfolgerinnen dadurch unterscheidet, dass wir unser Augenmerk auf sie allein richten). Wir könnten nun versuchen, unsere Frage nach dem Wesen der Zeit endlos zu wiederholen, das heißt, wir könnten das Verb ist endlos aneinanderreihen, mit anderen Worten wir könnten den Versuch unternehmen, eine endlose Inselkette auf einem gleichermaßen grenzenlosen wie unergründlichen Meer wahrzunehmen, während sich in Wahrheit Welle an Welle aneinanderreiht, dem Phänomen Zeit würden wir hierbei nicht auf die Schliche kommen können. Selbst mit der Frage, was die Zeit sein könnte, stellen wir uns, die wir vermeintlich endgültige Antworten hierauf parat haben (sie ist dieses oder jenes) selbst ein Bein; allerdings kommen wir im Zustand des Strauchelns gut zurecht.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Wahrheit, Willkür und Wahrnehmung. - Ein Ereignis, an das wir uns erinnern, war weder in unserer unmittelbaren Erfahrung dasjenige, für das wir es hielten, als wir es erfuhren, wie es nachträglich in unserer Erinnerung ein ganz anderes ist, als es uns zuvor erschien. Das Ist des Ereignisses in unserer Erinnerung, sein von uns erinnertes Sosein, deckt sich nicht mit dem, wie das Ereignis wirklich war – unter Umständen ist fraglich, ob es überhaupt existiert hat, es sich folglich um eine Einbildung handelt - unabhängig von unserer Erfahrung, ja, es kommt vor, dass wir seinem Ist-Zustand, wie er in unserer Erinnerung erscheint, eine unumstößliche Evidenz zuschreiben, wir verteidigen ihn unter Umständen verbittert, nicht das Ereignis, nicht unsere Erfahrung damit, sondern seinen von uns erinnerten Ist-Zustand, sein Sosein in unserer Erinnerung, auch wenn wir mittlerweile eines Besseren belehrt wurden. Das Ich hält unter Umständen verbittert in seinen Erinnerungen an vergangenen Ereignissen fest, nicht so sehr weil es sich mit diesen identifiziert, sondern weil es in seinen Erinnerungen daran seinen gegenwärtigen Standpunkt in der Zeit bestimmt und diesen einnimmt; geraten die Erinnerungen an vergangene Ereignisse dadurch außer Kontrolle, weil das Ich zwischenzeitlich eines Besseren belehrt wurde – die Dinge haben sich ganz anders verhalten als angenommen - so kann dieses Ich den Boden unter den Füßen verlieren. In einem Zustand fehlender Bodenhaftung kann dieses verunsicherte Ich, das Orientierung in der Gegenwart sucht, ins Extreme umschlagen (…).
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
(Gekürzt / Aufgrund vorhandener Erinnerungslücken überarbeitet am 07.06.2026)
Parieren kommt von parare. - Sie gerieten beide in einen Sturm, der plötzlich, wer weiß an welcher Ecke dieser Welt, losgebrochen war. Da schlüpfte er aus seinem Mantel, er mauserte sich sozusagen im Nu, entnahm beiden Schuhen die Schnürsenkel, während sie den festen Tragegurt von ihrer Handtasche löste, die Verwandlung des Kleidungstücks in einen Parasailing-Schirm vollzog sich gewissermaßen in Windeseile. Nein, sie nahmen die Sache nicht einfach hin, sie nahmen sie vielmehr an, mit anderen Worten, sie hoben gemeinsam ab - nur, wer weiß, wohin? Ihr Lachen war noch zu hören, da waren beide längst außer Sicht geraten.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Aufklärung und Aufklärung. - Eine Aufklärung, die das äußere Licht um den Menschen herum entzündet, während sie das Licht in ihm selbst nicht zu entfachen vermag, gleicht einer Öllampe, die dem Menschen zwar den Raum, in dem er sich bewegt, ausleuchtet, ihn ansonsten aber kalt lässt, dass heißt, ihm nicht ermöglicht, den Weg darin zu finden. Licht ist nicht gleich Licht. Leuchten nicht gleich Leuchten. Eine Aufklärung, die den menschlichen Verstand erhellt, während sie sein Herz unberührt lässt, endet in einer Verblendung.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Weg und Wegweiser. - Es existiert kein Wegweiser, es gibt nicht einmal einen Weg, auf dem wir uns dauerhaft zurechtfinden könnten, geschweige denn ein Ziel. Wir selbst sind Weg und Wegweiser in einer Person, mit jedem einzelnen Schritt den wir machen, uns mal hierhin neigend, uns mal dorthin neigend. Aufs Ganze gesehen ist die Zielstrebigkeit eine Illusion, denn das Ganze kann uns schon im Geringsten begegnen, woraufhin wir uns im Leben vollkommen neu ausrichten, bestenfalls auf das Leben selbst. Die Weisen drehen sich im Kreise. Ihre Mitte ist die Leere. Diese Leere aber erfüllt sie vollkommen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Kunstbetrachtungen und Metamorphosen. - In einem Kunstwerk ist auch immer ein ausgesprochen-unausgesprochenes Versprechen auf eine bessere Welt eingeschrieben und auch wenn wir nicht an eine bessere Welt glauben können, weil wir unseren Glauben daran in der gegenwärtigen verloren haben, so kaufen wir ihm sein Versprechen ab, so glauben wir zuletzt doch daran – andernfalls würden wir kein (Kunst-)Museum aufsuchen, schließlich tauchen wir in seine ausgestellten Welten ein, möchten wir uns an seinen Exponaten erfreuen, wenigstens möchten wir mit der Welt außerhalb davon, wenn auch vorübergehend, auf Abstand gehen. Tatsächlich stellt das Kunstwerk bereits durch seine eigene Existenz unter Beweis, dass wir, wenn schon nicht in der besten aller Welten leben, so doch in einer Welt existieren, in der - freilich ohne uns über die tatsächlichen Verhältnisse in ihr zu täuschen - alternative Sichtweisen auf die Dinge in ihr, ja, auf diese Welt überhaupt existieren, die wir nachvollziehen können oder aber nicht; das Kunstwerk hält hierzu lediglich Einladungen bereit (nicht selten, indem es uns vor den Kopf stößt), es liegt an uns, ihnen zu folgen oder aber nicht. Zeigen wir uns für seine Angebote zugänglich, so besteht die Möglichkeit, dass wir uns über unsere Betrachtungen, die eine Annahme seines Angebots, seiner Einladungen, die Dinge dieser Welt, ja, diese Welt selbst aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, bedeuten, selbst verwandeln, hierbei allein, wenigstens aber in unserer Bereitschaft, eine Verwandlung zuzulassen, ist schon viel gewonnen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Sanat Üzerine Düşünceler ve Başkalaşımlar. - Bir sanat yapıtının içine her zaman daha iyi bir dünyaya dair ifade edilmiş-edilmemiş bir vaat kazınmıştır, şimdiki dünyada inancımızı yitirdiğimiz için daha iyi bir dünyaya inanamasak bile, yapıta ve onun vaadine kanarız, sonuçta ona yine de inanırız - aksi takdirde bir (sanat-)müzesini ziyaret etmezdik, nihayetinde onun sergilenen dünyalarına dalarız, sergilenen eserlerden keyif almak isteriz, en azından dışarıdaki dünya ile, geçici de olsa, aramıza mesafe koymak isteriz. Aslında sanat yapıtı, sırf varlığıyla bile, en iyi dünyada yaşamasak da, içindeki şeylere ve hatta bu dünyanın bütününe dair alternatif bakış açılarının var olduğu bir dünyada yaşadığımızı kanıtlar - bu dünyadaki gerçek koşullar konusunda kendimizi kandırmadan - bu alternatif bakış açılarını kavrayabiliriz ya da kavramayız; sanat yapıtı bu konuda sadece davetler sunar (çoğu zaman bizi sarsarak yapar bunu), bu davetlere icabet edip etmemek bize kalmıştır. Eğer onun sunduklarına kendimizi açarsak, bakış açılarımız aracılığıyla kendimizi dönüştürme imkanımız doğar, bu bakış açıları, yapıtın sunduğu teklifi ve daveti kabul etmek, yani bu dünyanın nesnelerine ve dünyanın kendisine farklı perspektiflerden bakmak anlamına gelir, sadece bu dönüşümün gerçekleşmesiyle, hatta en azından bir dönüşüme izin verme hazırbulunuşluğuyla bile, çok şey kazanılmış sayılır.
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Das Ego, die Schnürsenkel und der Weg. - Er prahlte damit, die Schnürsenkel seiner beiden Schuhe gleichzeitig binden zu können, und zwar mit einer einzigen Hand! Er kam damit allerdings nicht sehr weit...
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Sinn und Transzendenz. - Das Innenleben der Wörter sind ihre Bedeutungen, die wir ihnen - bildhaft oder nicht - zuschreiben. Der Leser des Satzes – des vorliegenden Satzes! - gleicht auf ganzer Linie einem Voyeur, der nacheinander ein Auge auf die offenen Wörter wirft, die sich ihrerseits mehr oder weniger exhibitionistisch verhalten, schließlich zeigen sie sich ihm ganz unverhohlen (wären sie verschlossen und hätten sie etwas zu verbergen, so hätten sie im Satz nichts verloren). Der Leser des Satzes transzendiert die mehr oder weniger immanenten Bedeutungsinhalte der in ihm enthaltenen Wörter, er schält sie aus ihnen heraus, er hebt und erhebt sie; die Bedeutungen der Wörter verlieren ihre Bodenhaftung, sie schweben haltlos im logischen Raum, in gewisser Weise vollziehen sie hierbei eine Unio Mystica, sie schäumen über; der Sinn des Satzes ist nichts anderes als eine ekstatische Vereinigung sämtlicher Bedeutungsinhalte seiner Wörter, der über den Punkt, der ihn formal begrenzt, hinausgeht, schließlich kann er ihn nicht (zurück-)halten; seine Grenzüberschreitung ist dem Satz gewissermaßen eingeschrieben, der Sinn des Satzes i s t diese Grenzüberschreitung. Worin wir einen Sinn erblicken, darüber hinaus geraten wir mit dem Transzendenten in Berührung. Der Sinn des Schönen überragt hierbei alle anderen, denn durch das Schöne, das sich uns zeigt, geraten wir mit dem Übersinnlichen auf erheiternde, erhellende, erhebende, ja, mitunter auf ekstatische Weise in Berührung. Die Mystikerinnen und Mystiker aller Zeiten und Herren Länder - besinnungslos, keineswegs aber bedeutungslos wie sie nach ihren Begegnungen mit dem Transzendenten waren - können ein Lied davon singen, darüber sprechen konnten sie nicht. Es lässt Begegnungen und Berührungen zu, allein, Es lässt sich nicht annähernd benennen. Wofür wir allerdings keine Worte finden, das ist deswegen noch lange nicht nicht-existent.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Spiegelbilder. - Sobald wir ü b e r den Anderen sprechen, sprechen wir immer auch (unausgesprochen) ü b e r uns selbst, d.h. wir sprechen weder m i t dem Anderen, sobald wir ü b e r ihn sprechen, noch führen wir aufrichtige (authentische) Selbstgespräche. Was wir an uns selbst nicht wahrhaben wollen, nehmen wir am Anderen wahr; der Andere ist ein Stellvertreter von Aspekten unseres Selbst, die wir, weil wir sie nicht an uns selbst wahrhaben wollen, am Anderen wahrnehmen, selbst wenn ihm diese gar nicht eigen sind. Der Andere ist so gesehen ein negativer Spiegel, in den wir blicken, um positive Effekte zu erzielen; nicht selten erhöhen wir uns, während wir den Anderen erniedrigen, während wir ü b e r ihn, anstatt m i t ihm zu sprechen, anstatt in aufrichtige (authentische) Selbstgespräche zu kommen; wir blicken in diesen Spiegel, ohne uns hierbei selbst zu erkennen, dabei verkennen wir außerdem den Anderen. Tatsächlich bietet sich das menschliche Antlitz an, um im gemeinsamen Gespräch in die tiefsten Dimensionen des Selbst vorzustoßen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Punkt. Kreis. Erzählen. - Sobald du den Bleistift ansetzt, erscheint, unmittelbar unterhalb der Bleistiftspitze, ein Punkt auf dem Blatt Papier, dieser Punkt ist nichts anderes als ein winzig kleiner Kreis, der Kreis wiederum ist vollkommen. Mit anderen Worten, die Geschichte, die du erzählen möchtest, ist bereits, noch bevor du damit begonnen hast, sie zu erzählen, im Punkt - der Erfüllung des Kreises – vollkommen enthalten, du kannst sie im Verlauf der Verschriftlichung zur Vollendung bringen oder, weil du nicht (kon-)zentriert genug bist, verhunzen. Aus dem Kreis heraus, dass heißt, aus der punktuellen Vollkommenheit, der diese in geometrischer Form repräsentiert, entsteht alles, alles strebt auf 1001 Wegen und Umwegen zu seiner Vollendung hin und wieder zurück, vollkommen ist es bereits.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Der Wurf. - Ein Kunstwerk, das seinen Betrachter berührt oder bewegt, ist der Stein des Anstoßes; es zieht kreisrunde Wellen auf einem See nach sich, die seinen Betrachter dazu anregen, ihn in ihm selbst auszuloten. Ein Kunstwerk zu betrachten, es anzuschauen, von ihm beeindruckt, möglicherweise sogar nachhaltig beeinflusst zu werden, heißt auch immer, sich ihm und seinen Ausdrücken grundlos, dass heißt unvoreingenommen auszusetzen. Nicht ohne Grund setzt das Staunen genau dann ein, sobald jemand, der sich zuvor nur scheinbar in allen Belangen selbst im Griff, in der Gewalt hatte, vor einem Kunstwerk steht und schlagartig von ihm überwältigt wird.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan
Transzendenzerfahrungen. - Die Variationen der Liebe erscheinen wie die Facetten des Lichts, sie erfüllt die Liebenden mit einem wundersamen Licht, das nicht von dieser Welt zu stammen scheint. Wer Liebenden begegnet, der meint, in die Umlaufbahnen zweier Sonnen zu geraten, die gemeinsam ein geheimnisvolles, glühendes Zentrum umkreisen.
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Purzelbäumer. - Mit den Kleinen durch die Fußgängerzone gepurzelt; zunächst ich vorneweg, dann allerdings, nach dem zweiten, halbwegs gelungenen Purzelbaum, hatten die Kleinen die Nase vorn, sie purzelten uneinholbar auf und davon. Zwei ältere Passanten, möglicherweise ein Ehepaar, waren drauf und dran, mit uns mitzupurzeln, sie deuteten einen Purzelbaum ansatzweise an, haben es dann aber doch sein lassen.
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Summum bonum. - Das höchste Gut: Die Güte. Die höchste Form der Güte: Die Barmherzigkeit.
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Ästhetik des Fußballspiels. - Die Aufgabe des Schiedsrichters ist es, die Grammatik des Fußballspiels zu gewährleisten (wer das Reglement versteht, der spricht die Sprache des Spiels, der redet überhaupt mit, ja, der hat, je versierter er (mit-)spielt, ein Wörtchen mitzureden, unabhängig davon, ob er die Muttersprache seiner Vereinskameraden spricht oder nicht). Außergewöhnlich begabte Spieler gehen, in unvergesslichen Augenblicken des Wunderbaren, bis an die Grenzen des Spielbaren, dass heißt, sie hinterlassen außerordentlich schöne, poetische Spuren (Signaturen) im ansonsten prosaischen Textgewebe des Fußballspiels. Das Faszinierende am Fußballspiel ist nicht die Regel, es sind die unerwarteten Augenblicke des erwartbaren Wunderbaren darin, die sich (nicht ohne Mitsprache, der Stimme, dem Schrei des Kommentators) in die Netzhaut des fußballbegeisterten Zuschauers einbrennen und hierdurch unvergesslich bleiben.
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Mitgerissen werden. - Auf den entscheidenden Abschnitten ihres Weges - es handelt sich um Übergänge, die eine neue Phase ihres Wachstums in alle nur denkbaren, aber auch undenkbaren Himmelsrichtungen ankündigen - nehmen die Weisen die Form von Rädern an, die über vier zappelnde Speichen verfügen, wobei sie vor nichts und niemandem Halt machen; einmal in Fahrt gekommen, rollen die jubelnden Räder auf und davon. Wer ihnen unterwegs in die Quere kommt, der wird nicht etwa überrollt, was den Davonrollenden angesichts der überaus schmalen, rasiermesserscharfen Wegstrecken durchaus zuzutrauen wäre, der wird von ihrem überschwänglichen Elan vielmehr erfasst und mitgerissen; der Ergriffene purzelt aus freien Stücken mit den Weisen mit, nimmt während seines überstürzten Rollvorgangs die Form eines halbwegs ansehnlichen Rades an und rollt, sichtlich erfreut über die außerordentlich hohe Reisegeschwindigkeit, eine geraume Zeit jauchzend hinter den Weisen her. Die Aufholjagd endet abrupt, sobald das Verfolgerrad aus unerklärlichen Gründen von der Hauptroute abweicht, die eigene Spur wiederfindet, seine ursprüngliche Gestalt annimmt und glücklich und zufrieden, in gewisser Weise verwandelt seines Weges geht.
Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan
Ausschnitt Notizbuch
Kurze Meditation über Raum und Zeit. - Der Tag hat 24 Stunden, ganze 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, ein Menschenleben lang, so weit, so gut, könnte man meinen und doch dehnt sich jeder einzelne Augenblick, den du bewusst wahrnimmst, aus, zieht er sich horizontal in die Länge, sinkt er auch geradwegs in die Tiefe, dauert der Moment weit mehr als ein Sekundenbruchteil an, überdauert er das gewöhnliche Maß eines einzigen Momentums, gehen die Augenblicke nahtlos ineinander über, sprengst du, auch in dem Bewusstsein, dass das Leben insgesamt ein einziger, nicht enden wollender Augenblick ist, zuletzt den äußeren zeitlichen Rahmen – dein inneres Uhrwerk, es läuft im Zuge deiner Versenkung langsamer, es läuft losgelöst von der Schwerkraft deines Seins, auch wenn es nicht am Schnürchen läuft, lass es laufen, lass es zu! Finde im Augenblick ein kleines Fenster hin zur Ewigkeit, öffne es und siehe, blicke hindurch! Raum in Raum, Zeit in Zeit – du selbst, sieh zu!
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Die Gabe. - Sobald die Weisen etwas vergeben, beschenken sie sich selbst; nicht durch die Vergabe, auch nicht durch die Gegengabe, sondern durch das Geschenk, das der Andere ist.
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Zwei Seiten der Transzendenz. - Es ist der Ozean, der in dem Wassertropfen, der aus schweren Regenwolken hinabfällt, ein- und aufgeht - der Tropfen kommt ihm bloß entgegen.
Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan