Meditationen

Ökonomie der Metapher. - Das Bildhafte einer Metapher dient der Anschaulichkeit eines abstrakten Sachverhaltes, den schlüssig nachvollziehbar zu beschreiben eine Vielzahl von Wörtern in Anspruch nehmen würde. Metaphern bringen (hoch-)komplexe Sachverhalte bildhaft auf den Punkt; sie leuchten ein, ohne viel Worte zu verlieren. Der Weg, der - was einen Sachverhalt betrifft, der einer Erklärung bedarf - zwischen der Fragestellung, die ihm auf den Grund gehen möchte und ihrer Antwort, die ihm auf den Grund geht, liegt, ist im Fall einer Metapher am kürzesten - dieser Aphorismus ist im Grunde genommen eine Metapher. Er stellt sie aus, wie Künstler ihre Exponate ausstellen, nicht auf dem Blatt Papier, sondern im Geiste seines Lesers; die Wörter, die er hierbei verwendet, sind trittsichere Sprossen einer Strickleiter, die der Aphorismus aufbietet, nicht um selbst auf- oder abzusteigen, sondern um den Bedeutungen seiner Wörter einen Zugang zu seinen Lesern zu ermöglichen, deren einzige Bringschuld ihre Offenheit ist.

Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan

Einleuchten und Einstellungen. - Wenn jemandem etwas einleuchtet, wenn ihm oder ihr also ein Licht aufgeht, so geschieht dies in einem geistigen Raum, der nicht zugestellt wurde, indem wenigstens ein lichter Platz für Umstellungen vorhanden ist – wo aber mentale Umstellungen stattfinden, ja, wo, im Zustand einer intellektuellen Klarstellung (die Redlichkeit; wer redlich ist, der führt sich zuallererst selbst nicht hinters Licht) Verstellungen unnötig oder überflüssig werden, dort erfolgen bestenfalls auch Veränderungen der Einstellungen, letztlich der Handlungen. Man darf in dunklen Zeiten die Hoffnung nicht aufgeben, die Hoffnung in dunklen Zeiten aufgeben hieße: Da ist ein für alle Mal Schicht im Schacht! Grundvoraussetzung dafür, dass jemandem etwas einleuchtet, ist seine oder ihre (Welt-)Offenheit.

Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan

Verhältnis zwischen (innerer) Bildung und Menschenbild. - Eine Person kann (äußerlich) gebildet sein, während ihr Menschenbild negativ besetzt ist, während eine Person, die weder lesen noch schreiben kann, über ein positives, humanes, humanistisches Menschenbild verfügt. Wenn die Weisen davon sprechen, dass der Mensch das größte Buch sei, das es zu lesen gelte – und manche von ihnen sprechen davon, indem sie zwinkern, blinzeln oder schielen -, so verweisen sie nicht auf die beiden äußeren Sehorgane des Menschen, sondern auf sein inneres, geistiges Auge. Die wahre Gelehrsamkeit des Menschen entzieht sich äußeren Blicken. Der Ausdifferenzierung der Gesellschaft, der das moderne Bildungssystem geschuldet ist, steht die absolute, atavistische oder archaische Integrität des Weisen und des Kleinkindes gegenüber.

Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan

Häresie und Überfahrt. – Die größte Gefahr, den eigenen Lebensweg zu verfehlen, besteht darin, bereits vorhandenen Wegweisern zu folgen, die in die Irre führen (und die Irregeleiteten beklagen sich nicht darüber, auf Abwege geraten zu sein, ein Umstand, der durch einen kleinen, unscheinbaren Ausfallschritt jederzeit behoben werden könnte, auch klagen sie nicht über den Missstand, Umwege betreten zu haben, die kein Ende nehmen, vielmehr halten sie die Abwege und nicht enden wollenden Umwege, die sie irrtümlicherweise betreten haben, für den eigentlichen Weg, hierdurch aber, durch den Zustand der permanenten Ausweglosigkeit, werden sie geradewegs in die Irre geleitet). Wer in Unkenntnis seines eigenen Zieles ist, ja, wer über kein eigenes Ziel verfügt oder keines verfolgt, der verharrt dauerhaft im Stillstand oder aber er tritt in fremde Fußstapfen, vorgegebenen Linien von Booten gleich, in die er sich nacheinander zurückziehen kann, während er sich einer Route anvertraut, die ihn zwar sicher über das Meer führen wird, die ihn zugleich aber auch daran hindert, es eigenständig zu erkunden, zu erfahren und zu erleben. Man muss, wenn man dem Leben auf den Grund gehen möchte, während der Überfahrt auch den eigenen Untergang in Kauf nehmen – wer untergeht und wieder auftaucht, der hat sich verwandelt, der ist nicht mehr ein und derselbe Mensch. Die Erzählungen von Schiffbrüchigen, die den eigenen Untergang überlebt haben, haben, nachdem sie die richtigen Worte für das (Un-)Glück gefunden hatten, späteren Abenteurern neue, ungeahnte Seewege eröffnet und ermöglicht. Mystiker loten Tiefen aus, deren unfassbare Höhen Dogmatikern unerreichbar bleiben – See ist nicht gleich See, Tiefsee ist nicht gleich Tiefsee, Seefahrt nicht gleich Seefahrt! In Wahrheit ist jeder Mensch mehr oder weniger ein Mystiker, während er in Wirklichkeit mehr oder minder ein Dogmatiker ist – wer jenes vollkommen (ver-)leugnet, der verdorrt und vertrocknet innerlich, wie er sich verausgabt, sich verliert und verzweifelt, wenn er dieses vollends ignoriert. Je näher sich der Mystiker und der Dogmatiker im Menschen kommen, umso zufriedener ist er, je unversöhnlicher sie sich gegenüberstehen, desto unzufriedener wird er sein - ein gelungenes Leben ist keine Gratwanderung, es ist das Ergebnis einer geglückten Synthese. Während seiner Gratwanderung faltet der Wanderer die steilen Flanken des Berges, er glättet das Plateau, er macht die gesamte Fläche des Gebirges sicher betretbar und begehbar.

Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan

Licht am Ende des Tunnels. – Das Argument ist das Licht am Ende des Tunnels (des Satzes, der Behauptung); mit ihm wird klar und deutlich, was zuvor bloß gemeint war. Behauptungen, denen Argumente abgehen, sind obskur; sie führen in die Sackgasse – die Philosophie bewahrt vor diesem Fehltritt, die Politik führt unvermeidlich in den Tunnel, der Populismus verführt auf Schlängelwegen geradewegs in die Sackgasse hinein. Die Schweizer Tunnelbauer machen vor, wie die (direkte) Demokratie Licht ins Dunkel bringen kann.

Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan

Für sich stehen. – Wahrhaft schön ist, was weder des Hässlichen vergleichsweise bedarf noch sich seiner vergleichend bedient, um seine eigene, unvergleichbar berührende oder beeindruckende Existenz unter Beweis zu stellen.

Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan

Vom Klimawandel zur Klimakrise oder Auf Durchzug stellen. – Aufgrund der enormen Hitzeentwicklung in den völlig zugebauten Metropolen trieben sie das Stoßlüften frühmorgens so weit, dass sie den wenigen Lebensmüden, die sich mittags auf die Straße wagten, wie Backwaren erschienen; Großstädter, die vor den Blicken der wagemutigen Passanten durch die sperrangelweit geöffneten Fenster ihrer Erdgeschosswohnungen, Schaufenstern gleich, nicht mehr bloß entblößt ausgestreckt darin lagen, sondern darüber h(in)aus bis weit nach Mitternacht ausgestellt waren.

Aufzeichnungen. Copyright © 2026 Bülent Kacan

Kenntnis und Erkenntnis. - Der Unterschied zwischen der Einsicht in eine Sache und einem Einblick darin ist ein himmelweiter. Ein Auto zu fahren ist das eine, Kenntnis von seiner Mechanik zu haben und es im Fall der Fälle zu reparieren, ist etwas ganz anderes; manche verzweifeln bereits am Reifenwechsel – nicht, weil kein Ersatzreifen vorhanden wäre, auch nicht, weil sie zwei linke Hände hätten, sondern weil sie selber eine Schraube locker haben.

Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan

Kreisläufer und Korrekturen. - Die Metapher vom geraden Lebensweg ist eine Lebenslüge, in Wahrheit rücken wir die Abwege, die wir betreten haben, rückblickend zu einem einzigen geraden Pfad zurecht; wir tun dies gleichermaßen gezwungener- wie gewolltermaßen, um unsere eigene Abwegigkeit nicht vor uns selbst rechtfertigen zu müssen. Der Lebenslauf der Weisen hingegen besteht aus lauter Umwegen; die sie – nicht selten mit gebeugtem Rücken – mit einer absolut geraden Haltung bewältigen. Auf die Frage nach dem Ziel ihrer Reise antworten die Aufrechten: „Was heißt hier Ziel? Wir suchen mit jedem Schritt, den wir machen, nach dem Ausgangspunkt unserer Lebensreise!“ Im Grunde aber laufen die Weisen im Kreise.

Aufzeichnungen. Copyright © 2025 Bülent Kacan

Menschenkenntnis und Wassermelonen. - Das Gehaltlose erkennt man häufig viel zu spät an der Form, die zunächst eindrucksvoll verspricht, was sie bald schon nicht mehr halten kann. Man muss, möchte man nicht von der bloßen Form, die sich in den schönsten, nicht selten schillerndsten Farben präsentiert, geblendet und getäuscht werden, auf ihre Hohlräume hin abklopfen, ganz so, wie man im Süden Wassermelonen auf ihre U n r e i f e, R e i f e oder Ü b e r r e i f e hin abklopft. Man sollte die Bereiche gut kennen, mehr noch als der Kopf der Person sind hierbei ihr Herz und ihre Nieren die entscheidenden Stellen, die weniger mit Sachverstand, denn mit profunder Menschenkenntnis geprüft werden sollten, bevor man sich für einen Zusammenhalt, ein Zusammengehen oder eine Zusammenarbeit entscheidet. Beim Kauf einer Wassermelone dürfen einem immer mal wieder Fehler unterlaufen. Im Fall einer Freundschaft, Partnerschaft oder Geschäftspartnerschaft sollte man hingegen keine faulen Kompromisse eingehen.

Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan

Prosanachbarschaftsbeziehungen. - Stoßen ein Essay und ein Aphorismus einmal zufälligerweise zusammen, so tritt der überraschte Essay einen Schritt zurück, zieht seinen Hut, verbeugt sich vor dem nach wie vor standhaften Aphorismus und spricht folgenden Satz aus: “Alle Achtung, ganz so dicht, wie Sie es sind, haben wir es allemal versucht!”

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Gigantomachie (Herkules en miniature). - Der Kampf der Blattschneiderameise mit dem Blatt, das sich schon im nächsten Moment wendet.

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Gigantomachie (Herkules en miniature)


Verteidigung des Rechtsstaates. - In einem Rechtsstaat zu leben, ist kein Naturzustand, es ist ein Privileg. Dieses Privileg, in einem Rechtsstaat leben zu dürfen, während andernorts Menschen in Unrechtsstaaten leben müssen, erscheint im historischen Rückblick auf die deutsche Geschichte - insbesondere was die Jahre 1933 bis 1945 anbelangt - nicht als Endresultat, als ein ein für alle Mal gegebenes Privilegium, sondern als ein Vorrecht oder ein Vorzug, der einer permanenten Verteidigung bedarf. In seiner Verteidigung sollte dieses Privileg, in einem Rechtsstaat leben zu dürfen, während andernorts Menschen zusehends in Unrechtsstaaten leben müssen, von seinen Verteidigern keine persönlichen Opfer abverlangen; verlangt die Verteidigung rechtsstaatlicher Prinzipien jedoch von ihren Verteidigern persönliche Opfer ab, so sind diese Opfer, selbst wenn sie in kleinsten Kreisen zu Tage treten, nachgerade wenn sie in kleinsten Kreisen zu Tage treten, bereits ein Hinweis, dass der Rechtsstaat in Gefahr ist – heute im kleinsten Kreise, morgen in größeren, übermorgen im größten.

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Kurze Kulturgeschichte der Menschheit. - Am Anfang war das Wort, in der Mitte die Schrift, am Ende das Bild.

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Die Prüfung. - Es gibt keine geraden Wege, diejenigen, die wir für gerade halten, sind es nur in unserer Vorstellung. Die wirklichen Wege, die wir im wahren Leben betreten und begehen, sind, auf das Ganze hin betrachtet, uneben und schief – und für die einen ist das Ganze das Leben, während es für andere weit mehr als dieses eine Leben ist, das wir führen. Sie trotzdem anzunehmen – und es gibt keine Alternative, eine Alternative zu diesen Wegen hieße an Ort und Stelle stillzustehen - ohne hierbei unsere gerade Haltung aufzugeben, ist die Prüfung. Der Jubel derjenigen Bergsteiger, die auf eigenen Wegen den Gipfel des Berges erklommen haben, ist am größten.

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Auschnitt Notizbuch

Dialog als Seiltanzakt. - Die Sprache ist ein unsichtbares Seil, das zwischen zwei Personen, die ein Gespräch führen, gespannt ist und auf dem ihre Worte, die sie untereinander in einer Sache wechseln und wodurch oder worüber sie ihre Gedanken austauschen, einen mitunter riskanten Balanceakt hinlegen. Nicht die Widerworte des einen sind es, die den Worten des anderen in die Quere kommen und das Gespräch abrupt beenden können. Es ist der Widerwille des einen oder anderen, die abweichende Meinung des anderen, die dieser in der Sache hat und die er in seinen Widerworten wiedergibt, zu tolerieren, der drauf und dran ist, das Seil - die Verständigung, das Verhältnis oder die Verbindung - zu kappen und die Zelte ein für alle Mal abzubrechen.

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Fortschrittsoptimismus, Fehltritte und Freiheit. - Der Ursprung aller Utopien liegt im ersten Schritt und den Folgeschritten eines Kleinkindes, das laufen lernt, das Urvertrauen in den offenen Horizont ist seinem Wesen von Beginn an eingeschrieben. Noch in seinem späteren Innehalten als Erwachsener aufgrund von Hürden oder Hindernissen, die sich ihm in den Weg stellen (werden), besteht die Möglichkeit seines Vorwärtskommens. Dystopien sind nicht Ausdruck seines Rückschritts, sondern ein in die Zukunft projizierter Rückfall der menschlichen Zivilisation in die Barbarei, die in Zukunft nicht schlagartig aufkommen wird, sondern sich gegenwärtig schrittweise dorthin entwickelt.

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Schrägerweise. - Sie hatten beide einen Knick in der Pupille, dies war im Übrigen auch der Grund, weshalb sie sich gefunden hatten. Er und Sie - es war gewissermaßen Liebe auf den dritten Blick gewesen. Folglich saßen sie, sobald sie sich einen Tisch beim Italiener reservieren ließen, den gesamten Abend schräg gegenüber, ein Umstand, der das eine oder andere Paar, das sich den gesamten Abend über gegenübersaß, während es sich nichts mehr zu sagen hatte - die Griffe nach ihren Smartphones folgten sozusagen im Minutentakt - belustigte. Unser Paar, von dem hier die Rede ist, sprach hierbei nicht etwa aneinander vorbei, nein, Er und Sie verstanden sich gerade hierdurch ausgesprochen gut.

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Sprache und Zeit. - Mit der Frage, was (die) Zeit ist, berühren wir lediglich einen gegenwärtigen Punkt des Phänomens Zeit und zwar exakt in dem Moment, in dem das Verb im Satz auftaucht (eine winzig kleine Insel, die für Bruchteile eines Augenblicks aus einem gleichermaßen unergründlichen wie grenzenlosen Meer auftaucht und gleich wieder darin verschwindet; tatsächlich handelt es sich hierbei nicht um eine Insel, sondern um eine Welle, die sich von ihren Vorläuferinnen und ihren Nachfolgerinnen dadurch unterscheidet, dass wir unser Augenmerk auf sie allein richten). Wir könnten nun versuchen, unsere Frage nach dem Wesen der Zeit endlos zu wiederholen, das heißt, wir könnten das Verb ist endlos aneinanderreihen, mit anderen Worten wir könnten den Versuch unternehmen, eine endlose Inselkette auf einem gleichermaßen grenzenlosen wie unergründlichen Meer wahrzunehmen, während sich in Wahrheit Welle an Welle aneinanderreiht, dem Phänomen Zeit würden wir hierbei nicht auf die Schliche kommen können. Selbst mit der Frage, was die Zeit sein könnte, stellen wir uns, die wir vermeintlich endgültige Antworten hierauf parat haben (sie ist dieses oder jenes) selbst ein Bein; allerdings kommen wir im Zustand des Strauchelns gut zurecht.

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Sprache und Zeit



Wahrheit, Willkür und Wahrnehmung. - Ein Ereignis, an das wir uns erinnern, war weder in unserer unmittelbaren Erfahrung dasjenige, für das wir es hielten, als wir es erfuhren, wie es nachträglich in unserer Erinnerung ein ganz anderes ist, als es uns zuvor erschien. Das Ist des Ereignisses in unserer Erinnerung, sein von uns erinnertes Sosein, deckt sich nicht mit dem, wie das Ereignis wirklich war – unter Umständen ist fraglich, ob es überhaupt existiert hat, es sich folglich um eine Einbildung handelt - unabhängig von unserer Erfahrung, ja, es kommt vor, dass wir seinem Ist-Zustand, wie er in unserer Erinnerung erscheint, eine unumstößliche Evidenz zuschreiben, wir verteidigen ihn unter Umständen verbittert, nicht das Ereignis, nicht unsere Erfahrung damit, sondern seinen von uns erinnerten Ist-Zustand, sein Sosein in unserer Erinnerung, auch wenn wir mittlerweile eines Besseren belehrt wurden. Das Ich hält unter Umständen verbittert in seinen Erinnerungen an vergangenen Ereignissen fest, nicht so sehr weil es sich mit diesen identifiziert, sondern weil es in seinen Erinnerungen daran seinen gegenwärtigen Standpunkt in der Zeit bestimmt und diesen einnimmt; geraten die Erinnerungen an vergangene Ereignisse dadurch außer Kontrolle, weil das Ich zwischenzeitlich eines Besseren belehrt wurde – die Dinge haben sich ganz anders verhalten als angenommen - so kann dieses Ich den Boden unter den Füßen verlieren. In einem Zustand fehlender Bodenhaftung kann dieses verunsicherte Ich, das Orientierung in der Gegenwart sucht, ins Extreme umschlagen (…).

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(Gekürzt / Aufgrund vorhandener Erinnerungslücken überarbeitet am 07.06.2026)




Weg und Wegweiser. - Es existiert kein Wegweiser, es gibt nicht einmal einen Weg, auf dem wir uns dauerhaft zurechtfinden könnten, geschweige denn ein Ziel. Wir selbst sind Weg und Wegweiser in einer Person, mit jedem einzelnen Schritt den wir machen, uns mal hierhin neigend, uns mal dorthin neigend. Aufs Ganze gesehen ist die Zielstrebigkeit eine Illusion, denn das Ganze kann uns schon im Geringsten begegnen, woraufhin wir uns im Leben vollkommen neu ausrichten, bestenfalls auf das Leben selbst. Die Weisen drehen sich im Kreise. Ihre Mitte ist die Leere. Diese Leere aber erfüllt sie vollkommen.

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Weg und Wegweiser



Kunstbetrachtungen und Metamorphosen. - In einem Kunstwerk ist auch immer ein ausgesprochen-unausgesprochenes Versprechen auf eine bessere Welt eingeschrieben und auch wenn wir nicht an eine bessere Welt glauben können, weil wir unseren Glauben daran in der gegenwärtigen verloren haben, so kaufen wir ihm sein Versprechen ab, so glauben wir zuletzt doch daran – andernfalls würden wir kein (Kunst-)Museum aufsuchen, schließlich tauchen wir in seine ausgestellten Welten ein, möchten wir uns an seinen Exponaten erfreuen, wenigstens möchten wir mit der Welt außerhalb davon, wenn auch vorübergehend, auf Abstand gehen. Tatsächlich stellt das Kunstwerk bereits durch seine eigene Existenz unter Beweis, dass wir, wenn schon nicht in der besten aller Welten leben, so doch in einer Welt existieren, in der - freilich ohne uns über die tatsächlichen Verhältnisse in ihr zu täuschen - alternative Sichtweisen auf die Dinge in ihr, ja, auf diese Welt überhaupt existieren, die wir nachvollziehen können oder aber nicht; das Kunstwerk hält hierzu lediglich Einladungen bereit (nicht selten, indem es uns vor den Kopf stößt), es liegt an uns, ihnen zu folgen oder aber nicht. Zeigen wir uns für seine Angebote zugänglich, so besteht die Möglichkeit, dass wir uns über unsere Betrachtungen, die eine Annahme seines Angebots, seiner Einladungen, die Dinge dieser Welt, ja, diese Welt selbst aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, bedeuten, selbst verwandeln, hierbei allein, wenigstens aber in unserer Bereitschaft, eine Verwandlung zuzulassen, ist schon viel gewonnen.

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Sanat Üzerine Düşünceler ve Başkalaşımlar. - Bir sanat yapıtının içine her zaman daha iyi bir dünyaya dair ifade edilmiş-edilmemiş bir vaat kazınmıştır, şimdiki dünyada inancımızı yitirdiğimiz için daha iyi bir dünyaya inanamasak bile, yapıta ve onun vaadine kanarız, sonuçta ona yine de inanırız - aksi takdirde bir (sanat-)müzesini ziyaret etmezdik, nihayetinde onun sergilenen dünyalarına dalarız, sergilenen eserlerden keyif almak isteriz, en azından dışarıdaki dünya ile, geçici de olsa, aramıza mesafe koymak isteriz. Aslında sanat yapıtı, sırf varlığıyla bile, en iyi dünyada yaşamasak da, içindeki şeylere ve hatta bu dünyanın bütününe dair alternatif bakış açılarının var olduğu bir dünyada yaşadığımızı kanıtlar - bu dünyadaki gerçek koşullar konusunda kendimizi kandırmadan - bu alternatif bakış açılarını kavrayabiliriz ya da kavramayız; sanat yapıtı bu konuda sadece davetler sunar (çoğu zaman bizi sarsarak yapar bunu), bu davetlere icabet edip etmemek bize kalmıştır. Eğer onun sunduklarına kendimizi açarsak, bakış açılarımız aracılığıyla kendimizi dönüştürme imkanımız doğar, bu bakış açıları, yapıtın sunduğu teklifi ve daveti kabul etmek, yani bu dünyanın nesnelerine ve dünyanın kendisine farklı perspektiflerden bakmak anlamına gelir, sadece bu dönüşümün gerçekleşmesiyle, hatta en azından bir dönüşüme izin verme hazırbulunuşluğuyla bile, çok şey kazanılmış sayılır.

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Das Ego, die Schnürsenkel und der Weg. - Er prahlte damit, die Schnürsenkel seiner beiden Schuhe gleichzeitig binden zu können, und zwar mit einer einzigen Hand! Er kam damit allerdings nicht sehr weit...

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Das Ego, die Schnürsenkel und der Weg


Sinn und Transzendenz. - Das Innenleben der Wörter sind ihre Bedeutungen, die wir ihnen - bildhaft oder nicht - zuschreiben. Der Leser des Satzes – des vorliegenden Satzes! - gleicht auf ganzer Linie einem Voyeur, der nacheinander ein Auge auf die offenen Wörter wirft, die sich ihrerseits mehr oder weniger exhibitionistisch verhalten, schließlich zeigen sie sich ihm ganz unverhohlen (wären sie verschlossen und hätten sie etwas zu verbergen, so hätten sie im Satz nichts verloren). Der Leser des Satzes transzendiert die mehr oder weniger immanenten Bedeutungsinhalte der in ihm enthaltenen Wörter, er schält sie aus ihnen heraus, er hebt und erhebt sie; die Bedeutungen der Wörter verlieren ihre Bodenhaftung, sie schweben haltlos im logischen Raum, in gewisser Weise vollziehen sie hierbei eine Unio Mystica, sie schäumen über; der Sinn des Satzes ist nichts anderes als eine ekstatische Vereinigung sämtlicher Bedeutungsinhalte seiner Wörter, der über den Punkt, der ihn formal begrenzt, hinausgeht, schließlich kann er ihn nicht (zurück-)halten; seine Grenzüberschreitung ist dem Satz gewissermaßen eingeschrieben, der Sinn des Satzes i s t diese Grenzüberschreitung. Worin wir einen Sinn erblicken, darüber hinaus geraten wir mit dem Transzendenten in Berührung. Der Sinn des Schönen überragt hierbei alle anderen, denn durch das Schöne, das sich uns zeigt, geraten wir mit dem Übersinnlichen auf erheiternde, erhellende, erhebende, ja, mitunter auf ekstatische Weise in Berührung. Die Mystikerinnen und Mystiker aller Zeiten und Herren Länder - besinnungslos, keineswegs aber bedeutungslos wie sie nach ihren Begegnungen mit dem Transzendenten waren - können ein Lied davon singen, darüber sprechen konnten sie nicht. Es lässt Begegnungen und Berührungen zu, allein, Es lässt sich nicht annähernd benennen. Wofür wir allerdings keine Worte finden, das ist deswegen noch lange nicht nicht-existent.

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Sinn und Transzendenz



Spiegelbilder. - Sobald wir ü b e r den Anderen sprechen, sprechen wir immer auch (unausgesprochen) ü b e r uns selbst, d.h. wir sprechen weder m i t dem Anderen, sobald wir ü b e r ihn sprechen, noch führen wir aufrichtige (authentische) Selbstgespräche. Was wir an uns selbst nicht wahrhaben wollen, nehmen wir am Anderen wahr; der Andere ist ein Stellvertreter von Aspekten unseres Selbst, die wir, weil wir sie nicht an uns selbst wahrhaben wollen, am Anderen wahrnehmen, selbst wenn ihm diese gar nicht eigen sind. Der Andere ist so gesehen ein negativer Spiegel, in den wir blicken, um positive Effekte zu erzielen; nicht selten erhöhen wir uns, während wir den Anderen erniedrigen, während wir ü b e r ihn, anstatt m i t ihm zu sprechen, anstatt in aufrichtige (authentische) Selbstgespräche zu kommen; wir blicken in diesen Spiegel, ohne uns hierbei selbst zu erkennen, dabei verkennen wir außerdem den Anderen. Tatsächlich bietet sich das menschliche Antlitz an, um im gemeinsamen Gespräch in die tiefsten Dimensionen des Selbst vorzustoßen.

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Spiegelbilder




Punkt. Kreis. Erzählen. - Sobald du den Bleistift ansetzt, erscheint, unmittelbar unterhalb der Bleistiftspitze, ein Punkt auf dem Blatt Papier, dieser Punkt ist nichts anderes als ein winzig kleiner Kreis, der Kreis wiederum ist vollkommen. Mit anderen Worten, die Geschichte, die du erzählen möchtest, ist bereits, noch bevor du damit begonnen hast, sie zu erzählen, im Punkt - der Erfüllung des Kreises – vollkommen enthalten, du kannst sie im Verlauf der Verschriftlichung zur Vollendung bringen oder, weil du nicht (kon-)zentriert genug bist, verhunzen. Aus dem Kreis heraus, dass heißt, aus der punktuellen Vollkommenheit, der diese in geometrischer Form repräsentiert, entsteht alles, alles strebt auf 1001 Wegen und Umwegen zu seiner Vollendung hin und wieder zurück, vollkommen ist es bereits.

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Punkt.Kreis.Erzählen




Der Wurf. - Ein Kunstwerk, das seinen Betrachter berührt oder bewegt, ist der Stein des Anstoßes; es zieht kreisrunde Wellen auf einem See nach sich, die seinen Betrachter dazu anregen, ihn in ihm selbst auszuloten. Ein Kunstwerk zu betrachten, es anzuschauen, von ihm beeindruckt, möglicherweise sogar nachhaltig beeinflusst zu werden, heißt auch immer, sich ihm und seinen Ausdrücken grundlos, dass heißt unvoreingenommen auszusetzen. Nicht ohne Grund setzt das Staunen genau dann ein, sobald jemand, der sich zuvor nur scheinbar in allen Belangen selbst im Griff, in der Gewalt hatte, vor einem Kunstwerk steht und schlagartig von ihm überwältigt wird.

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Der Wurf




Transzendenzerfahrungen. - Die Variationen der Liebe erscheinen wie die Facetten des Lichts, sie erfüllt die Liebenden mit einem wundersamen Licht, das nicht von dieser Welt zu stammen scheint. Wer Liebenden begegnet, der meint, in die Umlaufbahnen zweier Sonnen zu geraten, die gemeinsam ein geheimnisvolles, glühendes Zentrum umkreisen.

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Purzelbäumer. - Mit den Kleinen durch die Fußgängerzone gepurzelt; zunächst ich vorneweg, dann allerdings, nach dem zweiten, halbwegs gelungenen Purzelbaum, hatten die Kleinen die Nase vorn, sie purzelten uneinholbar auf und davon. Zwei ältere Passanten, möglicherweise ein Ehepaar, waren drauf und dran, mit uns mitzupurzeln, sie deuteten einen Purzelbaum ansatzweise an, haben es dann aber doch sein lassen.

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Ästhetik des Fußballspiels. - Die Aufgabe des Schiedsrichters ist es, die Grammatik des Fußballspiels zu gewährleisten (wer das Reglement versteht, der spricht die Sprache des Spiels, der redet überhaupt mit, ja, der hat, je versierter er (mit-)spielt, ein Wörtchen mitzureden, unabhängig davon, ob er die Muttersprache seiner Vereinskameraden spricht oder nicht). Außergewöhnlich begabte Spieler gehen, in unvergesslichen Augenblicken des Wunderbaren, bis an die Grenzen des Spielbaren, dass heißt, sie hinterlassen außerordentlich schöne, poetische Spuren (Signaturen) im ansonsten prosaischen Textgewebe des Fußballspiels. Das Faszinierende am Fußballspiel ist nicht die Regel, es sind die unerwarteten Augenblicke des erwartbaren Wunderbaren darin, die sich (nicht ohne Mitsprache, der Stimme, dem Schrei des Kommentators) in die Netzhaut des fußballbegeisterten Zuschauers einbrennen und hierdurch unvergesslich bleiben.

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Mitgerissen werden. - Auf den entscheidenden Abschnitten ihres Weges - es handelt sich um Übergänge, die eine neue Phase ihres Wachstums in alle nur denkbaren, aber auch undenkbaren Himmelsrichtungen ankündigen - nehmen die Weisen die Form von Rädern an, die über vier zappelnde Speichen verfügen, wobei sie vor nichts und niemandem Halt machen; einmal in Fahrt gekommen, rollen die jubelnden Räder auf und davon. Wer ihnen unterwegs in die Quere kommt, der wird nicht etwa überrollt, was den Davonrollenden angesichts der überaus schmalen, rasiermesserscharfen Wegstrecken durchaus zuzutrauen wäre, der wird von ihrem überschwänglichen Elan vielmehr erfasst und mitgerissen; der Ergriffene purzelt aus freien Stücken mit den Weisen mit, nimmt während seines überstürzten Rollvorgangs die Form eines halbwegs ansehnlichen Rades an und rollt, sichtlich erfreut über die außerordentlich hohe Reisegeschwindigkeit, eine geraume Zeit jauchzend hinter den Weisen her. Die Aufholjagd endet abrupt, sobald das Verfolgerrad aus unerklärlichen Gründen von der Hauptroute abweicht, die eigene Spur wiederfindet, seine ursprüngliche Gestalt annimmt und glücklich und zufrieden, in gewisser Weise verwandelt seines Weges geht.

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Ausschnitt Notizbuch


Kurze Meditation über Raum und Zeit. - Der Tag hat 24 Stunden, ganze 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, ein Menschenleben lang, so weit, so gut, könnte man meinen und doch dehnt sich jeder einzelne Augenblick, den du bewusst wahrnimmst, aus, zieht er sich horizontal in die Länge, sinkt er auch geradwegs in die Tiefe, dauert der Moment weit mehr als ein Sekundenbruchteil an, überdauert er das gewöhnliche Maß eines einzigen Momentums, gehen die Augenblicke nahtlos ineinander über, sprengst du, auch in dem Bewusstsein, dass das Leben insgesamt ein einziger, nicht enden wollender Augenblick ist, zuletzt den äußeren zeitlichen Rahmen – dein inneres Uhrwerk, es läuft im Zuge deiner Versenkung langsamer, es läuft losgelöst von der Schwerkraft deines Seins, auch wenn es nicht am Schnürchen läuft, lass es laufen, lass es zu! Finde im Augenblick ein kleines Fenster hin zur Ewigkeit, öffne es und siehe, blicke hindurch! Raum in Raum, Zeit in Zeit – du selbst, sieh zu!

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Die Gabe. - Sobald die Weisen etwas vergeben, beschenken sie sich selbst; nicht durch die Vergabe, auch nicht durch die Gegengabe, sondern durch das Geschenk, das der Andere ist.

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Zwei Seiten der Transzendenz. - Es ist der Ozean, der in dem Wassertropfen, der aus schweren Regenwolken hinabfällt, ein- und aufgeht - der Tropfen kommt ihm bloß entgegen.

Aufzeichnungen. Copyright © 2024 Bülent Kacan

Zwei Seiten der Transzendenz